Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem.
1849. — 808.
I«
△ Die Circaffierin.
Geschichte aus der Zeit der Regentschaft.
(Fortsetzung)
Bei diesen Worten zog der Signor Marino-Marini geheimnißvoll ein kleines Billet aus seiner Tasche, das er dem Grafen darreichte, wobei er mehr als einen forschenden Blick in dem Gemache umherwarf. Der Inhalt deS BilletS, das Herr von Ferriol nachlässig eröffnete, enthielt Folgendes:
„Man bittet, dem Ueberbringer Dieses Pertrauen zu schenken, und ihm unbedingt in Allem zu glauben.
Gezeichnet: Alberoni,
Kardinal der Heil. Römischen Kirche."
„Wohl! sagte der Graf, ich sehe, daß dieses Billet von dem Kardinal Aberoni, dem spanischen Minister, unterzeichnet ist; aber ich habe nicht die Ehre, Herrn Alberoni zu kennen, ich kann Ihnen daher auch keinen andern Auftrag für ihn geben, als ihm die Versicherung meiner Ergebenheit auszudrücken."
„Um Vergebung, Herr Graf! versetzte Signor Marino-Marini mit seinem liebenswürdigen Lächeln. Ah! per Dio! Sie vermögen noch viel mehr für diesen gu- ten Kardinal Alberoni zu thun."
„Mag seyn! doch gestatten Sie mir, Herr, Ihnen eure andere Bemerkung zu machen: Nichts beweist nämlich, daß dieses Billet persönlich an mich gerichtet ist, da mein Name sich nicht einmal darin findet."
„Ihr Name findet sich nicht darin, Erzellenz? . . . è vero, è verissimo. Wie! setzte er leise hinzu, Sie begreifen nicht, warum Ihr Name sich nicht auf diesem Papier findet?"
„Nein!"
„Man wollte Sie nicht kompromittiren. Ja! sehen
Sie, Herr Graf; er ist klug, sehr klug, der gute Kardinal Alberoni."
„Ich glaube eS; doch, mein Herr, könnte ich endlich erfahren, welchem Grunde ich die Ehre Ihres Besuches verdanke?"
„Die Ehre istßganz auf meiner Seite, Erzellenz; und schon lange strebe ich darnach. Sehen Sie mich genau an; sowie Sie mich hier sehen, bin ich bereits zwei Monate aus ihrer Spur."
„Ach! Bah!"
„Ich komme, wie Sie, von Konstantinopel, wo, wie man mich versicherte, ich Sie treffen würde; doch Sie hatten einen Vorsprung von 24 Stunden vor mir voraus, was mich nöthigte, Ihnen bis Paris zu folgen, wo der Generallieutenant der Polizei mir so eben sagen ließ, meinen Aufenthalt nicht zu sehr zu verlängern, wenn ich nicht in die Bastille wollte."
„Alles das scheint mir besremdend."
„Nein, Herr Graf, es ist ganz natürlich. Hören Sie mich. Der gute Kardinal Alberoni sagte mir eines Tages:
„Höre Marini, ich habe Dir eine wichtige Mission anzuvertrauen, mio caro. (Er erweißt mir die Ehre, mich zu dutzen, dieser gute Kardinal)."
„Reden Sie, Eminenz, antwortete ich, Sie wissen, daß Marini ganz zu Ihren Diensten steht."
„Du kennst den Grafen von Ferriol, den Ergesandten des Königs von Frankreich zu Konstantlnopel?"
„Ja Eminenz."
„Verzeihen Sie, mein Herr, unterbrach der Graf; doch scheint mir, daß Sie dafür, daß Sie mich ein einziges Mal gesehen haben, mich wohl nicht kennen möchten."
„Irrthum! Erzellenz, Irrthum! Ich kenne Sie vortrefflich." Dieser gute Kardinal sprach weiter:
