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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Naffamschm Allgem. Zeitung.

1849. — M 804.

△ Die Circassierin.

Geschichte auS der Zeit der Regentscha,ft.

(Fortsetzung)

Bei diesen letzten Worten zitterte Atssa und heftete einen Blick voll Staunen und Furcht auf den Grafen. Wenn sie auch anfangs versucht gewesen, die beständig größer werdende Vertraulichkeit, womit der Graf sie seit einigen Augenblicken behandelte, dem Geflchle väterlicher Zuneigung von Seiten eines Mannes zuzuschreiben, der ihr gegenüber beinahe schon ein Greis war, so konnte sie doch jetzt in dieser Beziehung nicht mehr den geringsten Zweifel hegen. Diese Vertraulichkeit war augenscheinlich nicht die eines Vaters gegen sein Kind, eines Beschützers gegen seine Schutzbefohlene. Zugleich war eine gewisse - Freiheit der Worte damit verbunden, ohne Zweifel in der Absicht, die Scham eines jungen Mädchens zu besiegen, das zwar von einer unzweifelhaft nicht sehr moralischen Frau erzogen, doch durch deren Sprödigkeit und Schein­heiligkeit bisher getäuscht werden mußte. Gerade als wenn Herr von Ferriol beabsichtigte, dem jungen Mäd­chen in dieser Unterredung alle seine Illusionen zu be­nehmen, sagte er, indem er eine Guitarre, ein Instrument, das damals sehr in der Mode war, an der Wand hän­gen sah:

„Alssa, Du hast mir von den Lehrern gesprochen, die meine Schwester Dir gegeben, von den Talenten, die Du Dir erworben... Ich bin neugierig selbst dar­über zu urtheilen: nimm dies Instrument und singe eine von den Melodien, die man Dich gelehrt."

Die Circassierin erhob sich betrübt um zu gehorchen; dann nach einem kurzen Präludium, während dessen sie sich zu besinnen schien, fuhr sie, wie von einer plötzlichen Erinnerung betroffen, zusammen, und begann die Arie aus Arml'da, die sie in einem wichtigen Augenblicke

gehört, von der sie an den ersten Eindruck erinnert wurde, der damals, als der junge Ritter von Aydie in dem großen Opernsaale an der Seite des Marschalls von Villars erschienen war, ihr Herz hatte höher schlagen lassen:

„Meinem Helden, den ich liebe, Muß das ganze Weltall weichen."

Entzückt, hingerissen von Bewunderung wartete Herr von Ferriol nicht einmal, bis das Lied vollendet war, um der Sängerin Beifall zu klatschen. Diese Beifalls­bezeugung, die in jeder andern Lage für die Sängerin vielleicht eine schmeichelhafte Ermutyigung gewesen wäre, schien im Gegentheil einen peinlichen Eindruck auf sie zu machen. Während sie sang, hatte sie sich ebenso wie ihre Stimme gen Himmel erhoben, und die Erde vergessen. Sie erwachte jedoch gleich wieder zur Wirklichkeit bei dem Geräusch, das der Graf machte, und kaum konnte sie ihren Gesang zu Ende bringen. Der Athem sehlte ihr.

„Ahl rief Herr von Ferriol, Arssa, Du fingst gött­lich; ich freue mich in der That sehr darüber, denn ich liebe leidenschaftlich die Musik. Als ich Gesandter zu Konstantinopel war, schlief ich niemals ein, ohne daß mich eine Almah mit ihren Tönen eingesungen hätte: aber jene Almah's kamen Dir nicht gleich, und von nun an will ich keine Andere mehr hören, als Dich. Ja, Kleine, Du sollst alle Tage bei mir dies Geschäft übernehmen."

„Ich!" stammelte das junge Mädchen.

„Ja; bist Du denn nicht meine Sklavin?"

„Es ist wahr; erwiederte die Circassierin, und ließ ihr Haupt auf die Brust sinken; ich hatte eS vergessen."

„Ich habe es jedoch nicht vergessen. Du kannst auch tanzen, nicht wahr?"

„Ja, Herr Graf."

„Das ist herrlich. Nur bemerke ich Dir, die franzö-