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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1849. — â 187.

△ Die Circassierin.

Geschichte auS der Zeit der Regentschaft.

(Fortsetzung)

Lange hatte sie auf den Beistand der Frau von Maintenon gehofft, und sich deßhalb mit einem Schein von Frömmigkeit umgeben; aber sey es, daß die Kon­kurrenz in dieser Beziehung bei der Frau von Maintenon groß war, oder sey eS aus einem andern Grunde, die Favoritin hatte stets die an sie gerichteten Gesuche um berücksichtigt gelassen, Herrn von Ferriol ihrer Gnade zu würdigen und beim Könige sich für seine Begnadigung zu verwenden. WaS sollte sie nun in dieser üblen Lage machen? Welchen Entschluß fassen? Das war beständig die Frage, die sich dem Geiste der Marquise von Ferriol aufdrängte, während sie äußerlich nur mit frommen Be- trachtungen beschäftigt zu seyn schien; das war der Ge­danke, den sie nicht verbannen konnte, selbst indem sie eine herrliche Predigt über die Nichtigkeit der mensch­lichen Größe anhörte, die Aiffa ihr mit lauter Stimme vorlaS.

Dieses Vorlesen dauerte bereits eine Stunde, und daS junge Mädchen hatte Mühe, zuweilen ein mehr oder minder unfreiwilliges Gâhnen zu unterdrücken, als ohne vorherige Anmeldung eine ziemlich eigenthümliche Person eintrat.

Es war ein magerer gelblicher Mann mit einem Weibergesichte; seine Kleidung glich der eines Geistlichen, sein Ton jedoch und seine Manieren bezeichneten ein Mitglied dieser Klasse, die zur Schande des Priesterstan, deS, dem sie angehörten, sich nicht scheuten, den Ehrgeiz, die Gewohnheiten und leichtsinnigen Vergnügungen des weltlichen Standes offen zur Schau zu tragen. In den Pflichten ihres Bekenntnisses sahen sie nur ein Anrecht auf das Glück; ihr Keuschheitsgelübde war für sie nur

eine Dispensation von Treue und Ehe. Mit einem Wort: Die Person, von der wir sprechen, war ein Abbe, in der ganzen Bedeutung, welche diese Benen­nung im 18. Jahrhundert erhalten, daS heißt: die schimpfliche Parodie deS Priesters, und Personisizirung einer orthodoren Apostasie, die so lange Zeit hindurch die Gesellschaft, in der sie sich ausbreitete, und die Kirche, der sie abtrünnig geworden, schändete.

Nachdem der neue Ankömmling die Hand der beiden Frauen geküßt, welche Vertraulichkeit er mit einem Blicke begleitete, der das junge Mädchen die Augen niederschla­gen ließ, warf er sich auf einen Sessel, eine Opernarie trillernd.

„Nun, Abbe, sagte die Marquise, waS gibt es Neues? Haben Sie Herrn von Torcy gesehen? Dürfen wir endlich hoffen?"

„Ich komme eben vom Minister, antwortete der Abbe im Tone eines ZierbengelS; durchaus keine Hoff, nung. Der König ist unerbittlich; der liebe Bruder wird also dies Mal noch nicht wieder in seine frühere Stelle eingesetzt werden."

Bei diesen Worten, die mit so grausamer Leichtig, feit ausgesprochen wurden, rollte eine Thräne auS den schönen schwarzen Augen Aiffa's. Die Marquise stieß einen tiefen Seufzer aus und sagte in betrübtem Tone:

„Ich hatte doch gehofft, daß ein neuntägiges Gebet den Zorn des Königs entwaffnen würde."

„Es gibt kein neuntägiges Gebet, das in solchem Falle zieht, versetzte der Abbe achselzuckend. Ich muß gestehen, der arme Ferriol hat niemals gesunden Ver, stand gehabt. Er mußte wissen, daß es sich für einen Gesandten, der in Kredit bleiben will, nicht sosehr dar, um handelt, Frankreich würdig zu repräsentiern, sondern seine Herren völlig zufrieden zu stellen. Unter einem bigotten Hofe muß man kein Verschwender auf Kosten