Der Wanderer.
Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1849. — M 183.
△ Die Circassierin.
Geschichte auS der Zeit der Regentschaft.
(Fortsetzung)
Derjenige, welcher so sprach, war kein Anderer, als der Graf von Ferriol, Gesandter des Königs von Frankreich, Ludwigs XIV., bei der hohen Pforte. Der Graf war damals ungefähr 50 Jahre alt, aber noch voll Feuer und Leben; er erinnerte in mehr als einer Beziehung an die glänzenden Laster eines feiner Vorgänger auf dem Gesandtschaftsposten zu Konstantinopel, an den bekannten Grafen von Bonneval, dessen abenteuerliches Leben feind der uninteressantesten deS siebzehnten Jahrhunderts war.
Herr von Ferriol liebte die Weiber sehr und obgleich bereits im vorgerückter» Alter, so erlangte er doch Erfolge, die man sich leicht durch zwei Gründe erklären wird: eine große Willenskraft, um Hindernisse zu besiegen, und eine Freigebigkeit, die beständig an die so bekannte Mythe von dem in einen Goldregen verwandelten Jupiter erinnerte. Hierzu kam noch der Beistand eineS raffinirten Kammerdieners, seines Vertrauten, der für seinen Herrn Tag und Nacht intriguirte, arbeitete und wachte, dabei die Schlauheit und List deS Fuchses besaß und wie dieser jedes moralischen Gefühls baar. Wir haben La Roche bereits erwähnt.
Eines TageS hatte man zu Konstantinopel in Gegenwart deS Grafen Ferriol erzählt, daß ein junger italienischer Edelmann, Marini, auf ziemlich geheimnißvolle Weise mit einer jungen Frau von entzückender Schönheit nach Smyrna gekommen und nachdem er sie in eine jener reizenden Wohnungen am Ufer deS Golfes gebracht, auf Reisen gegangen sey. DaS reichte hin, die Neugierde deS Herrn von Ferriol zu reizen, der sogleich die Gesandtschaftsangelegenheiten der Sorgfalt eines Sekretärs überließ und sich in Begleitung seines vertrauten Kam
merdieners nach Smyrna begab, um den Platz zu belagern, dessen er sich zu bemächtigen beabsichtigte. Wir glauben unsern Lesern die verschiedenen Details eines Sieges ersparen zu dürfen, der allen Siegen dieser Art glich. DaS Ergebniß ist bekannt: der Platz hatte, wie man gesehen, eben kapitulirt, als ein unglückliches Ver, hängniß die Rückkehr deS Herrn Marini durch die Thüre und die Flucht seines Stellvertreters durch das Fenster bestimmte.
Während nun der Graf die Reize einer schönen Sommernacht bewunderte, in einem Lande, das später einen großen Dichter, Byron, zu Versen voll Pomp und zugleich voll Melancholie begeistern sollte, ertönte ein Geräusch von Schritten in kurzer Entfernung, dem bald ein Angstgeschrei voll Verzweiflung folgte. Der Graf von Ferriol und sein Kammerdiener erschrocken und wandten sich unwillkürlich nach der Richtung hin, von wo dieses Geschrei in ihr Ohr gedrungen. Plötzlich stürzte ein Kind, ein kleines Mädchen von höchstens zehn Jahren aus einem Gebüsch von Rosenbäumen und sank außer Athem zu den Füßen deS Grafen nieder, dessen Hände sie krampfhaft ergriff; mit schluchzender Stimme rief sie in griechischer Sprache:
„Herr! Herr! retten Sie meine Mutter! Herr! retten Sie mich!
Kaum waren einige Sekunden verflossen, als man mehrere bis an die Zähne bewaffnete Soldaten aus demselben Gebüsch, auS dem das junge Mädchen hervorgestürzt, herbeieilen sah, unter Anführung eines Mannes, den man an seiner Kleidung und selbst an seinen Zügen für einen jener Elenden erkannte, denen die traurige Pflicht obliegt, zu jeder Zeit und überall über die Ehre ihrer Herren zu wachen. Beim Anblicke dieses Mannes stieß das Kind herzzerreißendes Geschrei auS und klammerte sich mit Schrecken an den Grafen. Sogleich trat
