Der Wanderer.
Brlletristischcs Beiblatt zur Nassauische» Allgcur Zeitung.
1849. — â 181.
Das Original.
(Fortsetzung.)
Ueberall stand Pfarrer Müller theils des Rufes seiner Gelehrsamkeit wegen, theils durch sein exemplarisches Leben in hoher Achtung; dabei wußte Jedermann, daß mit ihm gar nicht zu scherzen war, denn er übte eine Kirchenzucht in seiner Gemeinde aus, die Heutzutag fabelhaft klingt und in das Amt des Polizeidieners und Bet« telvogts selbst oft so entschieden eingriff, daß Kompetenz- konflikte hätten entstehen müssen, wenn es eben nicht der Pfarrer Müller gewesen wäre. Sein Auftreten war entschieden und imponirend; seinen Willen beugte keine Macht und diese Festigkeit hatte sich zu einem Starrsinn ausgebildet, der völlig unbesiegbar war. Was man aber noch besonders fürchtete, war sei nützender Witz, der als gute Waffe diente. Das eine nur will ich anführen, um Ihnen zu zeigen, wie er seine Gemeinde in der Tasche hatte; ich habe als AmtSschreiber zehn Jahre bei dem einschlägigen Oberamte gedient^ und nie ist ein Prozeß aus Müllers Gemeinde vor dem Amte anhängig gewesen. Er entschied sie alle, und kein Bauer wagte Appell einzulegen. Unerbittlich streng übte er selbst die Sonntagsabendspolizei im Dorf, und wehe den jungen Leuten, die er um neun Uhr noch auf der Straße traf. Daß ihm die Lie- beSpärchcn, denen er als eingefleischter Junggeselle absonderlich gram war, dennoch Näschen drehten, liegt auf der Hand. Tanzmusik durfte nur an der Kirchweih im Dorfe statthaben, und dann schloß er alle Läden an seinem Hause, daß er ja die Töne nicht hörte, die ihm ein absonderlicher Gräuel waren.
Umgang hatte er fast gar keinen. Eine uralte Magd führte sein Hauswesen, aber alles hatte er unter strengem Verschluß und seine Sparsamkeit artete in späteren Jahren Etwas aus, obwohl er gegen Arme höchst mildthätig
war. Ueberhaupt schlummerte unter der rauhen eckigen Hülle ein gutes, mildes Herz, was viele sprechende Züge bewiesen. Wie er gegen andere streng war, so war er'S gegen sich selbst. Alles hatte im Haus seine strenggeregelte Ordnung und der Glockenschlag der alten Standuhr hinter der Thüre war ein Tyrann im Hause, wie der Hausherr selbst einer sein konnte.
So war das Hauswesen ungehemmt seit dreißig Jahren in seinem strengen Gleise fortgegangen, da starb die alte Lisbet und fast gleichzeitig der Bruder Kirchen- rathSdiener in Heidelberg. Diese beiden Ereignisse drohten eine totale Revolntion für Müllers Haushalt. Wo sollte er eine so treue, geduldige Liöbet wiederfinden? Und waS sollte aus des verstorbenen Bruders blühendem achtzehnjährigen Töchterlein und dem faulen Maler werden? Zwar hatte das Mädchen einiges Vermögen und der Herr Bruder Klekser', der sich einen Künstler nannte, konnte arbeiten, da er noch Kräfte hatte; allein — waS war zu machen?
Käthchen gelobte brieflich, nach des guten OnkelS Willen alles zu thun, was in ihren Kräften stünde, wenn er ihr nur ein Obdach gewähre.
Damals sah man den Pfarrer oft mit rascheren Schritten als sonst in seinem Garten auf und nieder schreiten, die Hände lebhaft bewegen und man hätte seine lauten Selbstgespräche verstehen können, wenn man hätte horchen wollen.
Endlich schrieb er und nach acht Tagen zog daS Mädchen, das in Heidelberg den Studenten über die Maßen gut gefallen hatte, weil Sie die Schönste der Stadt war, ins stille Pfarrhaus ein, und da sie nicht allein mit ihren Kisten und Kasten reisen konnte, kam der Onkel Künstler mit und — blieb da.
Der gute Maler! der alte Pfarrer sah ihn gräm, lich an und fragte: was willst Du aber hier anfangen?
