Der Wanderer.
Bclletristischrs Beiblatt zur Nassauischen Allgcm.
1849. — .4" 180.
Norddeutsche Volksfagen
(Schluß.)
3.
Hexensagen.**)
Einmal ist ein reicher Bauer gewesen, von dessen Frau die Leute sagten, sie wäre eine Here. Das sprach sich so lange um, bis endlich dem Bauer selbst etwas davon zu Ohren kam. Der wollte nun der Sache recht auf den Grund kommen und einen Tag vor der Mainacht ging er hin und holte sich einen Torf von dem Grabe eines ungetauft gestorbenen Kindes. Den Torf versteckte er heimlich und legte sich Abends mit seiner Frau schlafen. Er drückte die Augen zu und that, als wenn er fest schliefe, obwohl er ganz wach war und auf Alles genau acht gab. Als die Glocke zwölf schlug, stand richtig die Frau auf und schlich sich zur Kammerthüre hinaus. Der Bauer nimmt seinen Torf und geht ihr nach bis vor die HauSthüre. Hier ist ihm seine Frau auf einmal verschwunden und er sieht nichts als einen Trupp schwarzer Pferde. Der Bauer aber ließ sich nicht irre machen, sondern stülpte geschwind den Torf auf den Kopf. Da sah er denn keine Pferde mehr, sondern lauter bekannte Frauen und Mädchen und mitten darunter auch seine Frau. Er hörte auch, wie sie sich über die Fahrt nach dem Blocksberg besprachen. Denn alle Heren, welche unter der Erde sind, erkennen Heren und Geister in ihrer wahren Gestalt. Da wurde der Bauer zornig, sprang auf sein Weib zu und schwang sich auf sie wie auf eines rechten Pferdes Rücken. Er wußte auch den Herenspruch und rief:
•) Der allgemeine Inhalt der Hereusagen ist auS den Sammlungen von Grimm u. a. hinlänglich bekannt. Vorstehende Sagen, die ich einer auf mündlichen Quellen beruhenden Mittheilung eines
Freundes danke, theile ich der Abweichungen halber mit.
„Rößlein schwarz, Rößlein flink, Thu deine Schuldigkeit geschwind!"
Da erhob sie sich mit ihm hoch in die Luft und hielt nicht an und wurde nicht müde des gewaltigen Rittes. Aber ver Bauer wurde auch nicht müve und immer von Neuem rief er:
„Rößlein schwarz, Rößlein flink,
Thu deine Schuldigkeit geschwind!"
Und das war sein Unglück. Denn ehe er sich's versah, war die Mainacht um. Der Morgen kam über die Berge und seine Frau war kein schwarzes Roß mehr. Da that sie einen kläglichen Schrei und stürzte hoch aus der Luft herab und beide zerschellten jämmerlich. Und seit der Zeit halten sie alle Nacht den Ritt und haben keine Ruhe bis zum jüngsten Tag.
Vor vielen Jahren machte ein Nachtwächter in Schwerte zweien Schwestern zugleich den Hof, ohne jedoch mit dem Heirathen Ernst zu machen. Jede von ihnen forderte ihn zwar zu mehreren Malen dazu auf, aber es half nichts. Sie thaten sich deßhalb zuletzt zusammen und schwuren ihm Rache. Die beiven Schwestern aber waren Heren. Als der Nachtwächter nun einst Nacht- in seinem Bett lag, klopfte es auf einmal an sein Fenster, und als er dies geschwind öffnete, faßten ihn mehrere Hände, hoben ihn auf und führten ibn hoch durch die Luft. Erst wollten sie ihn in die Ruhr werfen, nachher besannen sie sich aber und setzten ihn ganz nackend oben auf einen hohen Baum, wo ihn die Leute am andern Morgen halbtodt fanden. (Frankf. Konvsbl.)
Das Original.
Ein Stücklein, mitgetheilt von W. O. v. Horn.
Wir saßen gutes Muthes im Garten des Oberamt- manns zu E., denn die Drangsalszeiten der provisorischen
