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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen

. Zeitung.

1849. — ^F 178.

Seltsames Wiederfinden.

Nach dem Französischen von F. G.

Die polnische Fürstin L.....wohnte in Paris zur Epoche, wo der revolutionäre Sturm über Frankreich dahin brauöte. Da sie sich einzig und allein mit der Erziehung ihrer 5jâhrigen Tochter beschäftigte, so meinte sie sich durch die heiligsten Gesetze der Völker sicher ge­stellt vor aller Verfolgung. Aber daS Konnte überlieferte sie nach einer eben so grundlosen als verdammlichen An­klage einer Verschwörung gegen die Republik dem blutigen Tribunale; angeklagt und zum Tode verurtheilt zu wer­den — war in wenig Tagen das Schicksal der allzu ver- trauungsvollen Fremden.

Obwohl sie seit ihrer Festhaltung im Gefângniffe von ihrer ganzen Dienerschaft getrennt blieb, so hatte man ihr dennoch gestattet, ihre Tochter zu sehen.

• Am Tage, als die unglückliche Mutter zum Schaffote geschleppt wurde, empfahl sie Rosalien, so hieß ihr Kind, der Sorge ihrer Schicksalsgefährten. Aber diese erfuhren bald das gleiche Schicksal, und überließen das Mädchen anderen Gefangenen; so daß es von Opfer zu Opfer an, genommen und übertragen wurde, bis es endlich die Waschfrau des Gefängnisses, Namens Bertot, aufnahm. Dies brave Weib, gerührt von des Kindes Verlassenheit, fügte es zu ihren Fünfen hinzu, und wurde so der ret­tende Engel der Waise aus dem Gefängnisse. Obgleich sie in einer Art erzogen wurde, die sehr verschieden von der war, zu welcher sie das Schicksal bestimmt zu haben schien, so konnte doch ihre neue Lage die schönen Eigen, schäften ihrer Seele nicht verwischen, mit denen auch die Natur ihre schönsten Geschenke vereinte. Mit zärtlicher Sorgfalt bemühte sie sich, ihren Wohlthätern durch eifrige Arbeit das zu vergelten/ was sie so uneigennütziger Weife

an ihr gethan hatten, und nach Verlauf weniger Monate war sie ganz mit den übrigen Kindern verschmolzen.

Durch die Listen der Schlachtopfer dieser Zeit, welche ganz Europa durchflogen, erfuhren später die Freunde der Fürstin, daß auch sie in ihrem unzeitigen Vertrauen auf dem Boden der Freiheit ihr Haupt hatte hinopfern müssen. /

Graf R...... ihr Bruder, eilte bei dieses gräß­lichen Nachricht nach Paris.

Mit Hülfe der Behörden beschäftigte er sich einzig und allein, das unglückliche Kind seiner Schwester auf­zusuchen. Aber alles Nachforschen blieb erfolglos. Keine Anzeigen, keine Belohnungen wurden gespart. Aber die arme Wäscherin laS keine Zeitungen, noch drang die An­kündigung des verheißenen Lohnes in ihre entlegene Be, hansung. Der Gefangenwärter, der Einzige, der über die Waise etwas Näheres hätte berichten können, war todt und hatte schon den zweiten Nachfolger in seinem Amte.

Und schon schien eS, als ob nichts den Grafen auf die Spur deS theuren Kindes bringen sollte. Tage, Wochen waren verflossen, und Alles ließ ihn befürchten, daß wohl ihr Elend und Hülflose Lage der Armen ihr Leben aufgerieben hätten.

Durch eine unscheinbare Verkettung der Umstände jedoch traf es sich, daß eben diese Waschfrau zugleich daS Hotel Grange- Battelière zu versorgen hatte, wo der Graf bei seiner Ankunft abgestiegen war.

EineS Tages nun, als Rosalie ihre Pflegemutter in daS Hotel begleitete, sah der Graf zufällig das Mäd­chen, wie sie eben über den Hof ging. Ihre Schönheit fiel ihm auf und ihre Züge brachten ihm lebhaft das Antlitz seiner unglücklichen Schwester vor die Seele.

„Wie heißest Du, liebe Kleine?" fragte er daS Kind.