Der Wanderer
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgcm. Zeitung.
1849. — â 175
t Die sieben Küsse Buckinghams
(Fortsetzung)
Ludwig XIII. theilte das allgemeine Erstaunen, das durch diese Erwiederung hervorgerufen wurde. Die Ehren- damen bissen sich in die Lippen. Fräulein von AngenneS rang ihre zitternden Hände und fühlte bereits den Sturm herannahen. Sie hätte sich gern aus der Menge entfernt, doch war das unmöglich.
Der Astrolog schüttelte das Haupt mit geringschätzender Miene und erwiederte:
„Meister Angely, Sie sind übel berichtet."
„So berichtigen Sie mich! erlauchter Wahrsager," erwiederte der Narr.
„Der Herzog von Buckingham befand sich nicht an dem Abende an sieben Orten, sondern an diesen sieben Orten suchten ihn sieben Damen!" erwiederte der Astrolog.
Schallende Ausbrüche des Gelächters, Murmelns, Beifalls und Drohens entstanden in der Masse der Hofleute.
„Wer sind diese Damen! Nennt sie! riefen einige Stimmen."
Angelo Catho fuhr fort:
„Eine der stolzesten und hochfahrendsten Schönheiten des Hofes wollte ihren genealogischen Stammbaum vor den Augen des Herzogs entrollen und ihm das Geheimniß ihres Wappens erklären!"
Zwanzigfaches Lächeln traf Fräulein von La Rochefoucauld, die vor Zorn ganz roth ward.
„Der englische Gesandte sollte einer andern daö Rezept zu einem Souper â langlaise geben."
Fräulein von Grancey beugte das Haupt vor den spottenden Blicken.
„Diese, fuhr der Astrolog fort, rechnete darauf, mit Hülfe Buckingham's ihren glühendsten Anbeter zu den
Füßen einer kleinen Bäuerin zu überraschen. Jene hoffte, mit Hülfe unsichtbarer Geister, ihren Geliebten in ihre Arme zu ziehen. Die Sparsamste wollte den Herzog über das Gewicht und das Wasser ihrer Diamanten zu Rathe ziehen, denn er ist lein feiner Kenner von Edelsteinen. Die Zärtlichste wünschte Aufschlüsse über das Land der Sylphen von ihm zu erhalten, wohin sie sich begeben wollte."
Die Menge lachte, doch die sieben Ehrendamen waren niedergedonnert unter dem vernichtenden Schlage dieser öffentlichen Erniedrigung. Sie wagten nicht einmal sich zu vertheidigen, denn das hieß sich selbst angeben. Der Astrolog hatte sie nicht genannt, doch der Hof und die Stadt hatten sich erkannt.
In diesem Augenblicke durchdrang der Armenier, welcher Fräulein von Angennes gerettet hatte, die Reihen.
„Und die Siebente! rief er dem Astrologen mit lauter Stimme zu."
„Sie verließ das Hotel der Königin nicht, erwiederte Angelo Catho."
Herr von Fargy athmete wieder, denn ein Verdacht hatte seinen Geist durchzuckt . . .
Indessen war es der bestürzten und erschreckten Katharina von AgenneS gelungen, sich Anna von Oesterreich zu nähern.
Die Königin ergriff die heiße Hand des armen Kindes und sagte leise zu ihr:
„Fürchtest Du Dich, Liebe?"
„Nein, Madame, erwiederte sie; ich werde muthig bis zu Ende ausharren."
„Ich werde nicht leiden, daß man Dich so feiger Weise anklagt," entgegnete die Königin. „Rechne auf mich, Katharina. Ich will Dich rechtfertigen, ich will ihnen Allen sagen, daß Du mich nicht verlassen hast!"
