lich fort. ES dauerte einige Zeit lang, bis wir auf der andern Seile deS Feldes durch die dichte Hecke gelangten. Wir befanden unS auf einem Wege, den wir zu verfolgen beschlossen. Aber nur wenige Schritte hatten wir zurückgelegt, als gerade vor uns ein Schuß knallte — mein armer Freund stürzte lautlos zusammen, und drei dänische Dragoner sprengten aus dem Schatten der Knicke auf mich zu. Der Vorderste, oder vielmehr wohl nur sein Pferd, stürzte von meiner Kugel und versperrte den beiden Nachfolgenden so den schmalen Weg, daß ich mit Aufopferung eines großen Theils meiner Kleidungsstücke mich durch die Hecke zurückdrängen konnte, unbekümmert um die Pistolenkugeln, welche mir die dänischen „Grütze, reiter"L nachsandten. Sie verfolgten mich nicht, wahrscheinlich plünderten sie meinen gefallenen Kameraden oder hörten, wie ich im Lauf eine neue Kugel aufsetzte.
Nach mancherlei Umwegen begegnete ich achtzehn Mann meines Korps, welche in einem geregelten Häuflein marschirten, fest entschlossen, sich muthig durchzuschlagen oder zu fallen. Ich schloß mich an sie an und kam mit ihnen Morgens um fünf Uhr nach dem Dorfe Jor- drup, welches seitwärts von der Straße nach Veile liegt. Hier fanden wir viele von unseren Kameraden schon vor — ach, eS waren doch nur Wenige im Vergleich zu denen, welche wir vermißten! Erst jetzt, von Freunden aufmerksam gemacht, gewahrte ich, daß ich verwundet sey, ein Streifschuß hatte mich am linken Bein getroffen. Die leichte Wunde schmerzte fast gar nicht, weit mehr die vie, len Dornen, mit welchen ich mir in den Knicken den Körper gespickt hatte. Unser Aussehen war fürchterlich, die Gesichter schwarz von Pulver, die Monturen zerrissen, fast Alle blutend, selbst die unS spinnenfeindlichen Jüten schienen ein menschliches Regen zu fühlen und brachten Wasser, Brod und Branntwein. Ein großer Trost war unS das Eintreffen der Avantgarde unter Major von Zastrow, welche zum Succurs herbeieilte und nach kurzer Rast sogleich in Eilmarsch weiter marschirte. Viele der unsrigen schlossen sich derselben an; ich wollte das Gleiche thun, aber ein Arzt, der zur Pflege der Verwundeten zurückblieb, untersagte mir cs auf das strengste. So ward ich denn in ein Bauernhaus einquartiert, wo ich ein paar Tage Quarantäne halten und Grütze mit Wasser essen muß. — Letzteres betrachte ich als zeitliche Strafe meiner Sünden. Heute marschirten die Reste unserer Armee auf der Flucht hier ein — noch heute Abend reti- riren wir bis nach Veile.
Wenn nur der Argwohn jetzt nicht mit doppelter Macht wieder käme, der uns täglich die Befürchtung ins Ohr bläst: Es wird ein falsches Spiel mit Euch getrieben!
Lamartine s Geschichte der französischen Revolution von 1848.
Die Flucht deS Königs Ludwig Philipp und seiner Familie.
(Fortsetzung.)
Gegen Abend schlug der König die Straße nach Dreur ein. In den ersten Stunden der Nacht langte er dort an; die letzten Ereignisse in Paris waren in der Stadt noch unbekannt. Der Unterpräfekt von Dreur, Herr Marechal, als er die Ankunft der Hofkutschen zu ungewohnter Stunde erfuhr, glaubte, sie brächten an den königlichen Aufenthaltsort einige Prinzessinnen, die von den Bewegungen in und um das Tuillerienschloß erschreckt seyen. Er begab sich in's Schloß, und erkannte den König.
„Ich bin es nicht mehr, sagte ihm dieser Fürst; ich weiß nicht mehr wo ich mein Leben sichern soll. Paris steht in Flammen; ich habe abgedankt, um das letzte Unglück zu vermeiden; ich vertraue mich Ihnen an im Unglück, wie ich auf Sie vertraute im Glück. Unterrichten Sie sich, unterrichten Sie mich von dem Fortgange der Ereignisse, die mir unbekannt sind, und rathen Sie mir, nach dem was Sie in der Nacht erfahren werden, was unter diesen Umständen zu thun ist."
In diesem Augenblick trat der Maire von Dreur in den Saal, um dem König seine Aufwartung zu machen; er wußte von nichts. Der König, der das Wort wieder aufnahm, ward nun der Bote seines eigenen Mißgeschicks; er erzählte im Einzelnen und mit Leidenschaft die Reihe von außerordentlichen Ereignissen, die sich in den letzten Tagen zugetragen, bis zu dem Augenblick, wo, in seinem Palast von dem wachsenden Ausruhr umringt, von seinen frühern Ministern übel angeregt, von seinen letzten Ministern übel unterstützt, von seinen übrigens getreuen Truppen schlecht vertheidigt, und von der Nationalgarde, für welche er regiert habe, verlassen, ihm nichts mehr übrig geblieben wäre, als die Abdankung und die Flucht, mitten durch die Flintenschüsse. Er war bewegt, rührend, leidenschaftlich. Er war entrüstet über die Verblendung der Nationalgarde, über die Schwachheiten, das Zaudern seiner Minister, über die Undankbarkeit der Völker, die einen Mann auf den Thron heben, damit er sie von der Anarchie errette, und die in einem Moment der Laune ihn in den Abgrund stürzen, aus dem er sie emporgehoben. Er äußerte sich mitleidig über die Eitelkeit der Dienste, die man den Menschen erzeigt, über das Schicksal der Königin, über ihr beiderseitiges Aller, das man auf die Seite schiebe und nicht mehr beachte, während er doch noch kräftig und frisch sei, dem man einen nutzlosen kö- niglichen Verbannungsort anweise, fern von Paris, daö
