Der Wanderer.
Bcllctristischcs Beiblatt zur Nassauischen Allgcm. Zeitung.
1849. — 3f 165.
t Die sieben Küsse Buckinghams
(Fortsetzung)
XVI.
Anna von Oesterreich traf Buckingham in der Mitte dieser einsamen Allee.
Der Herzog fiel zu ihren Füßen und küßte ihr Kleid mit so heftigem Entzücken, daß die Königin ganz bestürzt und verwirrt stand, und Fräulein von Angennes nicht umhin konnte, dem schönen Edelmanns zu sagen:
„Aber, Herr Herzog, Sie vergessen, vor wem Sie sind..."
„Ich werfe mich wie ein Knecht und Sklave vor der anbetungswürdigsten Gottheit nieder, die jemals auf die Erde herabgestiegen ist, erwiederte Buckingham."
„Es ist jedoch nicht Gebrauch in Frankreich, fuhr die hübsche Ehrendame fort, sich so in Gegenwart der Königinnen zu benehmen."
„Mein Fräulein, entgegnete der Herzog, ohne jedoch seinen feurigen Blick von den Augen Anna'S abzuwenden, ich bin kein Franzose, und die Gewohnheiten Frankreichs können mich nicht binden. Ich bin der Gesandte Englands, und als solcher repräsentire ich selbst ein gekröntes Haupt."
Dann die weiße Hand der Königin fassend, fuhr er in flehendem Tone fort.
„Madame, ich erwarte knieend Ihre Befehle und schwöre Ihnen, denselben zu gehorchen, wie sie auch lau- ten mögen, vorausgesetzt, daß sie mir nicht auferlegen, Sie nicht mehr zu lieben."
Anna von Oesterreich wagte in ihrer Verwirrung nicht zu antworten.
„Für Sie unternehme ich Alles, ich kann sterben, aber ich kann nicht aufhören, Sie zu lieben."
Die Königin ließ den Arm des Fräuleins von An- gennes los, die auf die Seite trat.
„Hören Sie mich an, Milord, erwiederte sie endlich, in bewegtem Tone. Ich habe in diese Unterredung gewilligt. Es ist eine Schwäche, die ich mir vorwerfen sollte, und doch fühle ich nicht den Muth in mir, denn Ihre Leidenschaft erscheint mir aufrichtig und eS thut mir weh, den einzigen Mann leiden zu lassen, der nicht blos eine Königin in mir sah. Doch wenn ich einge, willigt, Sie zu sehen und anzuhören, so geschah es, um Sie zur Abreise aufzufordern im Namen dieser Liebe, die Sie mir schwören, eS geschah, um Ihnen ein letzte- Lebewohl zu sagen, bevor wir auf immer unS trennen!"
„Ach, Madame! Sie begreifen nicht, wie sehr ich Sie liebe, weil Sie mich nicht lieben! erwiederte Bücking, ham. Würden Sie sonst von Abreise und Trennung reden? O Majestät! lassen Sie mich eine Minute lang zu Ihren Füßen vergessen, daß eS noch Etwas Anderes auf der Welt gibt, als diese geheimnißvolle Allee, in der wir unS befinden, lassen Sie mich daS Paradies in Ihren Augen sehen! O! wenn Sie wüßten, mit welchem Muthe mich meine Liebe begeistert l ich würde einer ganzen Welt trotzen, so sehr fühle ich in meinem Herzen, daß eS keine göttliche oder menschliche Macht gibt, die mich hindern kann, Sie zu lieben!"
„Armer Unglücklicher, erwiederte die Königin gerührt und mit Thränen in den Augen, Sie wollen mich also vor Schmerz sterben lassen, indem Sie dem Zorne meines Gemahles trotzen!"
„Was kümmert mich sein Zorn! sagte der Herzog- ausstehend. Ludwig der Gerechte mag ein geschickter Jäger seyn, aber Georges ViellierS wird er keine Schlingen legen."
„Sie haben aber einen noch schrecklichern Feind, der niemals verzeiht und stets seinen Gegner erreicht!" ent-
