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Der Wanderer

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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung

1849. — M 154.

f Die sieben Küffe Buckinghams.

(Fortsetzung)

XIII.

In einem kleinen, mehr als bescheidenen Gemache saß seit dem Morgen eine große und magere Person, die für schön gelten konnte, wenn sie nicht in ihrem Gesichte etwas Hartes und Düsteres gezeigt hatte, das seine Har­monie und seinen Reiz zerstörte.

Diese Person, die wie eine Kleinbürgerin gekleidet und eingerichtet war, war nichts desto weniger eine Fräu­lein von hoher Abkunft, eine reiche Erbin, eine Ehren­dame der Königin von Frankreich, Fräulein von Temines, die sich eben so viel Mühe gegeben, eine möglichst ein­fache und billige Wohnung zu suchen, als ihre Gefähr, tinnen daS Gegentheil gethan hatten.

Fräulein von Themines, von Natur ärgerlich und verdrießlich, war eS an diesem Tage noch mehr, als ge­wöhnlich; man hatte ihr angezeigt, daß am nächsten Tage großer Empfang bei der Königin Anna von Oester­reich stattsinden werde, und sie wollte sich nicht einer neuen Beschämung von Seiten Mariens von Medicis aussetzen.

Groß war daher ihre Verlegenheit. Sie hatte von dem Augenblicke an, als sie sich erhoben, beständig über einen Gegenstand nachgedacht, der ihr besonders unan- genehm war. Der Kampf zwischen ihrer Eigenliebe und ihrem Geize war heftig; auf beiden Seiten gab es wich­tige, bestimmende Gründe; endlich neigte sich doch die Waage einen Augenblick auf die Seite der Eigenliebe.

Fräulein von Themines rief eine dicke Magd, die ihre ganze Bedienung ausmachte.

„Komm' her, Marie, ich bedarf Deines Rathes. Sage, was denkst Du von meinem Hofkleide?"

„Ich? Ich denke Alles, was Sie wollen."

„Findest Lu es nicht ein wenig alt, abgetragen? und würde es Dir nicht gut scheinen, wenn ich ein an­deres machen ließe?"

„So ist auch meine Meinung."

„Was wird das kosten!" seufzte Fräulein von Themines."

„Sicherlich kostet es Viel, sich neu von Kopf bis zu Fuß zu kleiden," sagte Marie, den Seufzer ihrer Herrin nachahmend.

„Doch muß es seyn!"

„Ja wohl, Madame."

„Bevor ich jedoch einen festen Entschluß sasse, Marie, hole mir das Kleid, das mir so viele spöttische Blicke auf dem letzten Balle zugezogen hat; ich will es noch einmal prüfen."

Marie brachte ein Kleid von blauem Taffet, das sie sorgfältig auf einen Stuhl ausbreitete.

„Wahrhaftig," versetzte Fräulein von Themines, nachdem sie es eine halbe Stunde schweigend betrachtet hatte, „je mehr ich daS Kleid ansehe, desto mehr bin ich versucht, zu glauben, daß es mehr Neid als Mitleid er­regt hat. Die Eifersucht versteht so trefflich, sich zu verhüllen!"

„Ich denke, daß Sie wohl Recht haben mögen."

„Kein unnützes Bedauern weiter! ich werde es durch ein anderes ersetzen."

Als Fräulein von Themines diese Worte sprach, hatte sie in ihrer Geberde wie in ihrer Stimme eine be- wundernswerthe Entschlossenheit.

Um nicht zurück zu bleiben, machte Marie eine nicht weniger heroische Bewegung und rief mit ebenso ent­schlossener Stimme:

„Wir werden es durch ein anderes ersetzen!"

„Ja," fuhr Fräulein von Themines fort, „ich werde es durch ein anderes von braungelbem Taffet ersetzen."