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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Naffauischcu Allgem. Zeitung.

1849. — .4" 15s

f Die sieben Küsse Buckinghams.

(Fortsetzung)

In der fieberhaften Aufregung hob sie die Leiter mit eben so viel Leichtigkeit, als wenn sie von Seide gewesen.

„WaS soll ich jetzt thun?" fragte sie.

„Nehmen Sie diesen Meißel," erwiederte die Zigeu­nerin dumpf.

DaS Ehrenfräulein ergriff den langen Meißel, wel­cher füglich statt eines Dolches als VertheidigungSwaffe dienen konnte.

„Steigen Sie," fuhr die Alte fort, „zu dem armen Geschöpfe Gottes hinauf, das gestern noch lebte."

Das Fräulein stieg ziemlich langsam die Stufen der Leiter hinauf. Es kam ihr vor, als ob klagende Stimmen in ihr Ohr seufzten, als ob Rabenflügel in ihr Gesicht schlügen, als wenn ihre schwankenden Füße über die feuchten Sprossen hinglltten. Doch überwand sie ihren Schrecken und bald konnte sie der Alten zurufen:

„Ich bin oben. Ich kann mit dem Finger den Ge­hängten berühren. WaS habe ich noch mehr zu thun? Beeilt Euch; denn es ist ohne Zweifel eine Verwegen­heit, und ich glaube, die gläsernen Augen deS Todten sich öffnen und auf mich einen drohenden Blick schleudern zu sehen!"

„Seyn sie nicht kindisch jetzt," rief die Zauberin. „Sie haben nur noch Eins zu thun."

„WaS ist es denn?" fragte das Fräulein.

„Schneiden sie dem Gehängten eine Haarlocke ab und kommen Sie dann herab!" versetzte die Alte mit gellender Stimme, die einem teuflischen Gelächter glich.

DaS Ehrenfräulein sah die Zauberin an und fühlte ihren Kopf schwindeln; sie hielt sich krampfhaft an der Leiter. Ein Todesschauer überlief ihren ganzen Körper und ließ ihre Zähne klappern.

„Ich werde eS niemals wagen!" murmelte sie.

„Wie! Sie bleiben bei dem ersten Schritte stehen?" sagte die Alte. „Sie gehören auch zu jenen Tapferen, die keine Furcht in Worten kennen, aber in Zuckungen fallen, wenn sie einen Wurm oder eine Spinne sehen."

„Aber einem Gehängten daS Haar abzuschneiden, ist das nicht ein Verbrechen?" sagte das Fräulein bebend.

„Heben Sie sich von hinnen, schwache und zagende Seele," erwiederte die Zigeunerin; „für so schwache Geister sind meine düsteren Geheimnisse nicht geschaffen."

„Könnt Ihr mir denn das nicht ersparen?" entgeg­nete das beunruhigte Fräulein.

„Unmöglich!"

„Ist eS denn nöthig, daß ich selbst?.."

„Keine Haare, kein Zauber," unterbrach barsch die Alte; „der Zauber hat keine Kraft, wenn nicht die Haare von Ihrer eigenen Hand abgeschnitten werden."

Während sie so sprachen, war Fräulein von Ville, aur- ClercS mehrere Sprossen herabgestiegen; nicht ohne neuen Schrecken entschloß sie sich, wieder hinaufzusteigen, wobei sie die Augen schloß und unerhörte Anstrengungen machte, um ihre Glieder zum Gehorsam gegen ihren Willen zu zwingen; denn sie fühlte ihre Kniee unter dem Gewicht ihres Körpers wanken, wie es bei Leuten ge­schieht, welche träumen, daß man sie verfolge und nicht fliehen können.

Plötzlich schauderte sie und stieß einen durchdringen, den Schrei aus. Ihre Hand hatte die eisige Schulter eines Todten berührt.

Die Leiter wankte; das arme Mädchen war nahe daran, zu fallen, als sie ihren letzten Muth zusammen nahm, sich mit aller Gewalt an dieser Schulter festhielt und noch eine Sprosse höher stieg.

ES war glücklicherweise die Letzte.