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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgcm. Zeitung.

184!). — â 146.

i Die sieben Küsse Buckinghams

(Fortsetzung)

Fräulein von Liancourt wußte nicht recht, ob sie lachen oder zürnen sollte.

Das Gefühl ihrer Würde verhinderte sie, der erstem Rechnung nachzugeben, und von der zweiten hielt die Neugierde sie zurück.

„Weil Ihr denn so scharfsinnig seyd, Herr. . . . Herr . . ."

„Georges, Madame, wenn cs Ihnen gefällig ist," fiel der Bauer ein, indem er den rechten Fuß nach hin« ten ausstrcckte, nach Art eines Grußes.

„Nun denn, Herr Georges, nehmen wir an, daß Ihr Euch nicht täuscht, indem Ihr mir Einfluß auf Herrn von Candeille zuschreibt, so müßt Ihr die Güte haben, mich zu belehren, in welcher Weise ich davon Gebrauch machen kann."

„Gewiß, das muß seyn, doch darin liegt eben der Knoten ... weil Sie eben so sehr als ich dabei inter- essirt und im Stande sind, in Feuer zu gerathen , wenn ich das erste Wort gesprochen."

„Nicht soviel Redens; kommt zur Sache," sagte leb, haft Fräulein von Liancourt, die anfing, die Geduld zu verlieren.

„Ich werde mich leichter durch ein Gleichniß aus der Sache ziehen, erwiederte Georges, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen: angenommen, es fiele mir eines schönen Tages ein, Zhnen den Hof zu machen..."

„Herr Georges!"

„DaS ist nicht schimpflich, Madame; Sie sind hübsch genug, um sich in Sie zu verlieben. .. was würde denn Ihr Herr Graf von Candeille thun?"

„WaS er thun würde? Er würde den Herrn Geor­

ges seinen Leuten zeigen, die ihn tüchtig durchprügeln würden."

„Das ist richtig . .. doch damit das Gleichniß voll­kommen sey, nehmen wir an, ich sey Graf und der Herr Graf nur ein Bauer."

„Ich gestehe, daß in diesem Falle die Sache schwie­riger wird."

„Durchaus nicht, und ich will Ihnen sagen, was Ihr Herr von Candeille thun würde; er würde Perrine aufsuchen, er würde ihr erzählen, woher er kommt, und würde sie bitten, mich zu heißen, meiner Wege zu gehen. Das ist es gerade, was ich bei Ihnen zu thun herkam."

Fräulein von Liancourt begann zu begreifen. Sie stand auf, mit geröthetem Gesichte und flammenden Augen:

„Bedenkt, was Ihr sagt, Herr Georges!"

„Gewiß, ich bedenke es, ich habe es schon seit ge­stern bedacht. Deßhalb habe ich, als ich in der Kirche war, und Sie Ihr Buch zurücklassen sah, eS in die Tasche gesteckt, anstatt Ihnen nachzueilen und eS Ihnen zurück- zugeben, damit es mir als Vorwand diene, in Ihr HanS zu gelangen und eine kleine Unterhaltung mit Ihnen zu erlangen."

Die Finger der Fräulein von Liancourt zerknitterten ohne Erbarmen das Gebetbuch; sie machte einige hastige Schritte und hielt dann plötzlich an:

„Ich bin wohl närrisch," sagte sie ganz laut zu sich selber, „solches Geschwätz anzuhören und den Visionen dieses Menschen Glauben zu schenken."

„Visionen!" sagte Georges ganz ruhig. „Sie müssen wissen, Madame, daß man sich bei uns wegen Visionen nicht in Bewegung setzt, und daß, wenn ich mir die Mühe gab, herzukommen, der Grund ist, weil ich meiner Sache I gewiß bin."