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Der Wanderer.

Bâristischcs Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

184!). . t? 14L

f Die sieben Küsse Buckinghams.

(Fortsetzung)

IX.

Während der Graf von Fargy als Gesanbtschafts- Kourier auf dem Wege nach Boulogne dahin eilte, dachte Buckingham eifrig über einen Operationsplan nach.

Eine junge und hübsche Aufseherin zu gewinnen, nichts einfacher. Ein Mann wie Buckingham braucht sich nicht im Geringsten darüber zu beunruhigen, aber es waren deren sechs!

Die Siebente war als Feindin nicht zu zählen.

Sieben Frauen zu tauschen!

Sechs Argus einzuschlâsern ! . . .

Sechs Personen von verschiedenem Charakter und verschiedenen Interessen zu einer und derselben Stunde zu entfernen!

Und sie so zu beschäftigen, daß er, Buckingham, in die Wohnung der Königin dringen, dort verweilen und sich entfernen konnte, ohne daß Einer von ihnen möglich war, ihn daran zu hindern oder zu sehen. Indeß bebte der abenteuerliche Geist Buckinghams nicht vor dieser Aufgabe zurück; er hatte bereits bei andern Gelegenhei­ten seine Geschicklichkeit und Kühnheit bewiesen. Er trieb sogar diesmal die Nerwegenheit so weit, daß er den Tag und die Stunde festsetzte, bevor er noch die Mittel zur Ausfüh­rung bestimmt hatte.

Anna von Oestreich wurde von Fräulein v. Angen­nes benachrichtigt, daß der Herzog am 2. Juni, 9 Uhr Abends, kommen würde.

Der 2. Juni fiel auf einen Samstag, am Tage nach dem, wo die Gräfin von Lannoy abreisen sollte, und am Morgen des Mittwochs, am 30. Mai, das heißt, nur 48 Stunden früher, als die Ehrendamen von der Woh­nung, die man ihnen in dem Hotel der Königin ein­

räumte, Besitz nehmen, ritt Buckingham aus dem Thore von Amiens, indem er einen glücklichen Einfall in der Stille des Feldes suchte.

Doch beinahe mußte er glauben, cs bestehe ein Kom­plet, um ihn der Fassung zu berauben, die ihm so nöthig war. An diesem Tage gerade herrschte eine mäßige Hitze, man bemerkte kein Wölkchen am Himmel; auch schien die ganze schöne Gesellschaft der Stadt sich auf dem Lande versammelt zu haben. Man sah auf den Wegen nur Sänften, Sänftenträger und mit Wappen geschmückte Equipagen.

Um diese ungelegene Menge von müßigen Spazier­gängern zu vermeiden, die einzig von dem Wunsche be­seelt waren, zu sehen und gesehen zu werden, schlug der Herzog einen Nebenweg ein. Er fand dort in der That mehr Einsamkeit und Ruhe. Einige genügende Ideen hatten bereits sogar die Falten von seiner Stirne ver, scheucht und wieder ein Lächeln auf seinen Lippen her­vorgerufen , als ein eigenthümlicher Vorfall plötzlich ihn auf seinem Wege aufhielt.

Mitten auf einem mit Bäumen besetzten Wege be­sannen sich zwei Kutschen, von denen die eine ging und die andere kam, einander gegenüber, und in der Unmög, lichkeit, vorwärts zu fahren, da der Weg gerade nur die Breite hatte, die zu der Passage eines Wagens erforder­lich war. Kein anderer Ausgang sonst, als der Anfang und das Ende des Weges. Nothwendiger Weise mußte sich Einer von den Wagen entschließen, zurückzufahren; doch machte Keiner Miene dazu.

Die beiden Kutscher begannen, sich gegenseitig zum Ausweichen auszufordern. Unterdessen hatten zwei Frauen­köpfe aus beiden Wagen geschaut und nachdem sie sich einen Augenblick betrachtet, wandte sich Jede zu ihrem Kutscher und rief in befehlendem Toner

Vorwärts!"