Der Wanderer
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgcm. Zeitung.
1849. — â 18s
f Die sieben Küsse Buckinghams.
(Fortsetzung)
VI.
Nachdem Fräulein von Angennes die Nacht bei der Königin zugebracht, war sie in ihre kleine Wohnung zurückgekehrt, die sie in der Stadt inne hatte. Sämmtliche Ehrendamen harten solche für die Tage, wo sie keinen Dienst thaten. Diese Maßregel, welche von der Beschränktheit der für die Königinnen bestimmten Häuser geboten wurde, dehnte sich auf alle Personen ihres Gefolges aus.
Von dem vorhergehenden Tage ermüdet, den sie als einen Tag voll Unruhe und großer Bewegung betrachtete, hatte Fräulein von Angennes sich in einen großen Sessel geworfen, als eine Kammerfrau mit der Nachricht herbeieilte, daß ein Edelmann im Namen des Herrn von Fargy um die Gunst bitte, sogleich vorgelassen zu werden. Der Name des Grafen von Fargy war ein unwiderstehlicher Zauber.
Fräulein von Angennes erhob sich und ließ ihn eintreten ; der Edelmann erschien; doch kaum hatte sie bemerkt, daß er sich nach der Kammerfrau mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit umwandte, so sagte sie zu ihr;
„Gehen Sie hinaus unD lassen Sie uns allein."
Dann, sich zu dem Fremden wendend, fragte sie:
„Ist es möglich daß Sie es sind, Herr Herzog?
„Sie werden meinen Schritt entschuldigen, Fräulein, wenn Sie bedenken wollen, daß wenn Herr von Fargy selbst gekommen wäre, wie eS abgemacht war, ich vor Ungeduld sterben müßte, um die Antwort zu erfahren, die ich aus Ihrem Munde vernehmen soll."
„Sie haben eine Unklugheit begangen; ich wage nicht, an alles Das zu denken, was geschehen könnte, wenn man Sie bei mir eintreten sch, da ich noch frei von Argwohn bin."
„Ich bin zu Fuß gekommen, den Hut in's Gesicht gedrückt, und Niemand, ich schwöre Ihnen, wird Buckingham unter dieser einfachen Kleidung vermuthen."
„Ich lasse mich gern beruhigen; ich bin von allen den Stürmen niedergedrückt, die ich seit gestern erlitten."
„Ach, aus Gnade, lassen Sie mich nicht länger schmachten! Will die Königin mich empfangen?"
„Ja."
„Oh! Dank, Dank! . . . Wird sie allein seyn?"
„Mit mir, Herr Herzog."
„Sie sind ja ihre Freundin; mein Herz braucht sich in Ihrer Gegenwart keine Fesseln anzulegen, ich brauche nicht die Gefühle, die mich bewegen und entzücken, in meinem Innern zu verschließen. Sagen Sie der Königin, Fräulein, sagen Sie ihr, daß ihre Nachsicht und Güte mich mit Glück und Dank durchdringen, daß ich ihr gern mit meinem Leben eine Idee von dem Werthe geben möchte, den ich auf ihre Gunst lege."
„Ich würde in Verzweiflung seyn, Sie zu betrüben, Herr Herzog. Indessen fürchte ich, daß Sie ein wenig vorschnell in Ihrer Freude sind ; ich gestehe Ihnen sogar frei, daß ich an Ihrer Stelle in der Antwort, die Sie eben erhalten, einen Beweis von Sympathie sehen würde, die zu meinem Glücke hinreichte, und daß ich mich erkühnen würde, die Ausführung eines unmöglichen Projekts zu erstreben."
„Unmöglich!"
„Tausend Hindernisse widersetzen sich seiner Ausführung."
„Ich werde sie alle überwinden."
„Ich sehr in Ihrer Versicherung mehr Liebe als Klugheit."
„Wie ich rede, handle ich, mein Fräulein; mit der Erlaubniß der Königin, unterstützt von Ihnen, ermuntert durch den Neiz einer unschätzbaren Belohnung, gibt eS
