in einem derselben liegt eine schätzbare Perle, die ich als ein besonderes Kleinod bisher bewahrte. Ich konnte es mir nicht versagen, diesen Schatz für Deine Zukünftige einzulegen; ich wünsche Glück dazu. Nun fahre mit Gott, Heil und Segen zu Deiner Brautfahrt. Komm' nicht eher zurück, als bis Du mir ein Schwiegertöchterchen mitbringen kannst."
Julius nahm Abschied von Mutter und Kind, drückte sich in die Ecke des Wagens und fuhr, nicht ohne Aufregung seines Bluts, zum Stadtthor hinaus.
„Sonderbarer Mensch! begann er mit sich selbst zu reden, wie wankelmüthig bist du in deinen Vorsätzen und Entschlüssen! Heute scheinst du für die Ewigkeit zu bauen, du liebst deine Pläne wie dich selbst und schwörst nicht höher als auf sie; doch morgen ist dieses Ewig schon vorüber — und doch, wie eS in der ganzen Natur keinen gewaltsamen Sprung und Uebergang gibt, geht man allmählig von einer Vorstellung zur andern über. Es ist Alles bedingt, jede Wirkung hat ihre Ursache — so auch die veränderte Gestalt meiner Ansichten, meiner Empfindungen, meines Willens. Gestern noch ein Wittwer , zu dem ich mich selbst gemacht — und heute schon auf einer Brautfahrt! Man kann nichts Seltsameres träumen. WaS werde ich in R. finden, wird sich mir ein Wesen zeigen, das die Lücke in meinem Herzen auszufüllen im Stande ist, wie wird sie mir gefallen? welches Interesse werde ich ihr bieten? Wird sie meinem Ideale gleichen, und ich mache doch so große Anforderung an die weibliche Welt? Wenn ich mir eine Zeich, nung von Gestalt, Gesichtszügen, Liebreiz, Verstand und Gemüth entwerfen darf und soll; o! wenn sie da doch jenem Weibe gliche, mit dem ich, ach! ein Jahr in unaussprechlicher Seligkeit verlebte, wenn sie ihr gliche, wie sie war, als sie noch meine Pauline gewesen, aber nicht wie sie wurde! Nein! du verschleiertes Schicksal, nur keine Täuschung mehr!"
Unter solchen Gedanken war Julius am Ziel seiner Reise angekommen. (Forts, f.)
Heinrich von Gagern.
Ein Nachruf.
The elements were
So mix’d in him, that Nature might stand up And say to all the World: this was a Man! Shakespeare.
Eine Zeitung sagt: Gagern ist krank. Eine andere sagt: er ist geflohen; eine dritte: er ist in Brüssel — eine vierte widerspricht dem allem — man weiß nicht mehr,
wo der Mann ist, der vor einem Jahre der gefeiertste war in Deutschland!
Ein deutsches Sprichwort sagt: Ehrlich währt am längsten. Es scheint, das Jahr, welches seit unserer März-Revolution verflossen, hat, wie so vieles Andere, auch diese Verheißung zu Schanden gemacht. Das Reich der Ehrlichkeit ist rasch zu Ende gegangen. Die Diplomaten und die Tollköpfe bemächtigten sich des Spiels, und Deutschlands getreuer Eckard, Heinrich von Gagern, ist bei Seite geschoben. Der König Friedrich Wilhelm I V., dessen drittes Wort Treue ist, hat es dahin gebracht, daß der treueste Mann Deutschlands trauernd sein Haupt verhüllt und verschwindet.
Gagern ist von der Bühne getreten, um schlechteren Männern Platz zu machen, aber unsere Blicke folgen ihm in die Zurückgezogenheit. Es gibt Gestalten, die nur an Interesse gewinnen, wenn wir sie den Brennpunkten deS Lebens und der Thätigkeit entrückt sehen. Jeder Schritt aus dem Kreise einer glänzenden, die Augen der Welt gefesselt haltenden Wirksamkeit oder von der Höhe der Geschichte des TageS herab ist auch ein Schritt weiter in den Kreis unserer persönlichen Theilnahme, in den innersten Bering unserer Sympathieen hinein. Philipp Sidney ist eine poetische Gestalt, nicht als Gesandter und erster Staatsmann Englands, sondern als der Vertriebene, der sich in die Einsamkeit zurückzieht und die Arkadia dichtet. Der Herzog von Choiseul ist es — aber nicht als allmächtige Größe in Versailles, sondern nur als Verbannter in der glänzenden Dunkelheit von Chan- teloup.
Aber ich will Gagern nicht durch solche Vergleiche unrecht thun. Er ist ja kein diplomatischer Sidney und kein egoistischer Choiseul, und was ihn vertrieben hat, ist auch nicht die parfumirte Intrigue und die gepuderte Koquetterie einer leichtsinnigen Schönen in Goldbrokat und Reifrock. Wie kämen solche Gottlosigkeiten an unsere heutigen Höfe, deren Frömmigkeit sich so viel würdiger auf die kommenden Tage des Gerichts vorbereitet, als der lustige Louis Quinze mit seiner Sippschaft! Man sagt heute nicht mehr wieder frivole König: Die Sünd- fluth nach uns ! — man macht es höchstens umgekehrt — wie Vater Noah nach der Sündfluth.
Gagern's Unglück ist einzig und allein sein Vertrauen gewesen. Er hat den Regionen über ihm und den Regionen unter ihm zu viel vertraut. Wie Götz von Berlichingen, der ritterliche Mann, der auch vertraute und den zum Lohne dafür die Spießbürger niederwarfen, sagte er: „Hab' ich nicht unter den Fürsten treffliche Menschen gekannt, und sollte dieses Geschlecht ausgestorben sein? Sollten wir nicht hoffen, daß mehr solcher Fürsten auf einmal herrschen können? und in diesem Ver-
