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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen

Zeitung.

1849. — Jlf 119.

L Die Sieben Küsse Buckinghams.

(Fortsetzung)

Die beiden untergebenen Spione erwarteten in ach­tungsvoller Stellung die Befehle von Frau von Lannoy.

Die alte Dame schrieb schnell einige Zeilen auf ein Täfelchen und übergab sie dem Spion in der Barke, wo­bei sie ihm sagte:

„Für den Herrn Kardinal von Richelieu."

Beeilen Sie sich! Sie werden ihm selbst erzählen, was Sie von der Unterhaltung der Königin mit der kleinen Närrin von Angennes vernommen haben.

Der Spion verneigte sich, begab sich wieder in seine Barke, und die unter den Netzen verborgenen Ruder er­greifend , gebrauchte er sie mit bewundernswerther Ge­schicklichkeit.

Die alte Gräfin hatte unterdessen zwei oder drei Zeilen auf ein Pergament geschrieben, das von dem Mi­nister unterzeichnet war.

„Dies, sagte sie, sich zu dem andern Spione wen­dend , muß dem Herrn Stadtgouverneur vor Oeffnung der Thore zugestellt und von ihm an den Obersten^der Bogenschützen übergeben werden. Eilen Sie!

Der Mann verneigte sich vor Fr.au von Lannoy bis zur Erde, die ihn jedoch keines Blickes würdigte, und verschwand dann, ohne daß man das Geräusch seiner Tritte auf dem Sande vernahm.

„Jetzt hoffe ich, sagte die alte Gräfin zufrieden, wird Se. Eminenz nicht länger zögern, die fünfhundert Pisto­len zu bezahlen, die ich vergangene Woche an diesen ver­wünschten Herrn von Fargy im Landsknecht verloren habe. Ja! Ja! dieser Spieler ahnt nicht, daß ich so eben für alle Partieen, die er mir abgewonnen, Revanche genommen habe."

Am folgenden Tage verließ ein vollständig beritte­ner Edelmann Amiens das Thor, das nach dem Wege von Boulogne führt. Er ritt im Schritt, als wenn er nur einen Spazierritt beabsichtige. Als er jedoch an der ersten Krümmung des Weges angelangt war, stieß er seinem Rosse die Sporen in die Seiten und verschwand in der Staubwolke, die vurch die Schnelligkeit seines Galopps entstand.

II.

Ein Reiter von ungefähr 30 Jahren, von schöner Gestalt und hübschen Aussehens, dessen zugleich stolze und graziöse Haltung den Edelmann von guter Abkunft ver­rieth, obgleich er ziemlich einfach gekleidet war, ritt nach­lässig, wie es seinem Pferde gefiel, auf dem Wege von Boulogne nach Amiens dahin, zwei oder drei Meilen von der erstern Stadt.

Dieser Reisende oder vielmehr Spaziergänger, denn er hatte nichts von der Ausrüstung eines Mannes an sich, der eine weite Reise macht, schien jedoch sehr gleich­gültig gegen die Schönheiten der Landschaft, die sich vor seinen Blicken entrollte. Er sah unverwandt auf die Mähne des herrlichen Rosses nieder, das ihn trug, und der melancholische und nachdenkende Ausdruck seines Ant­litzes verrieth ein tief betrübtes oder gelangweiltes Ge­müth.

Er wäre wahrscheinlich noch lange so fortgeritten, wenn nicht ein ungewöhnliches Geräusch ihn plötzlich aus seiner Träumerei gerissen hätte, welche bis dahin die Stille des Weges begünstigt hatte.

Die Nacht breitete schon ihren Schleier über die Na­tur aus; doch war der Himmel noch nicht so dunkel, daß nicht unser Edelmann zu seiner Linken durch eine Baum­gruppe hindurch die erleuchteten Fenster eines Hauses wahr­nehmen konnte, von wo das Geräusch ausging, das er so eben vernommen.