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Der Wanderer.

Bkllttristischrs Beiblatt zur Nassauischen Allgem.

1849. — M 116.

f Die Sieben Küsse Buckinghams.

(Nach dcm Französischen.)

I.

An einem schönen Abende im Monat Mai 1625 lust­wandelten zwei Frauen in dem Garten eines der schön­sten Hotels von Amiens.

Sie folgten langsam und nachdenkend einer langen Pappel-Allee, die nach der Somme hinabführte.

Eilf Uhr hatte es so eben an der Uhr der Kathe­drale geschlagen. Das tiefe Schweigen der Nacht war bereits längere Zeit jenem Geräusche des Tages gefolgt, das in den Städten Leben und Bewegung anzeigt.

Der Mond stieg langsam empor; seine durch das Laub fallenden Silberstrahlen zeichneten wunderliche Ara­besken auf dem gelblichen Sande der Gartenalleen.

Die Luft war warm und mit Wohlgerüchen durch­duftet. Das Parfum der von der Abendkühle erfrischten Blumen ward mit jedem Augenblicke durchdringender. Der Ort und die Stunde schienen auf wunderbare Weise günstig zu zärtlichen Träumereien und vertraulichem Gekose.

Die beiden Frauen waren jung und schön; doch ob­gleich sie sich ganz rücksichtslos dem Reize einer vertrau­lichen Unterhaltung Hingaben, [so hätte doch das Auge eines Beobachters leicht eine gewisse Ungleichheit des Ranges zwischen Beiden erkannt.

An der Manier, womit die größere stolz ihr Haupt zurückwarf, das lange und reiche Locken umgaben, — an dem Feuer, daS aus ihren Smaragd-Augen strahlte^ an der befehlenden Geberde ihrer weißen und kleinen Hand, an dem edlen und stolzen obgleich graziösen Ausdrucke ihres kleinen herrlichen Mundes, endlich an der Maje­stät ihres Ganges erkannte man eine große Dame.

Sie war eine stolze spanische Prinzessin und zärt­liche Königin von Frankreich. Es war Anna von Oest­reich.

Ihre hübsche Begleiterin bildete einen auffallenden Kontrast gegen sie.

Man denke sich ein schönes Kind, klein, blond, von blendender Weiße mit schmachtendem Blicke in den großen blauen Augen, welche schwarze dichte Augenbraunen um­schatteten, leichten Schrittes, wobei sie wenig Bewegun­gen machte, als wenn sie befürchtete, daß ihre zarten Glieder brechen möchten. Sie schien die Anstrengung sogar beim Sprechen vermeiden zu wollen, so leise sprach sie die Worte aus, und nur mit den äußern Lippen.

Eigenthümlich! dieser leichte Fehler ließ ihre Schön­heit noch reizender hervortreten. Die Dichter am Hofe verglichen sie oft mit jenen Töchtern der Luft, die kaum die Spitze ihres Füßchens auf die Blumen der Erde zu setzen würdigen, aber auch nicht mehr die Kraft haben, ihre Flügel zu entfalten, um ihren luftigen Flug wieder zu erhalten und nach dem Himmel zurück zu gelangen.

Ein berauschender Ausdruck von Güte und Sanft- muth lächelte in ihren Augen und in ihrem ganzen An­tlitze, das von jener liebenswürdigen und göttlichen Rein­heit wiederstrahlte, die man bei Raphaels Madonna bewundert.

Niemand konnte Fräulein Marie von Angennes, Ehrendame der Königin, ansehen, ohne zu sich selbst zu sagen, daß diese herrliche Gestalt ein ergebenes und treues Herz besitzen müsse, und daß diese so ruhigen Züge keine üble und schlechte Gedanken verbergen könnten. Sie an­sehen, hieß auf sie vertrauen, ohne Versprechungen und Schwüre von ihr zu fordern.

Die Königin und ihre Vertraute entfernten sich von dem Hotel in langsamem und vorsichtigen Schritte. Man hätte sie für zwei junge Gefangene halten sollen, welche