Der Wanderer.
BcllktristischcS BciblaN zur Nassauischen Allgem.
1849. — 3f 113
Erinnerungen an das Soldatenleben.
Todesahnung.
Eine Begebenheit aus dem KriegSjahre 1813.
Was auch immer der sogenannte Vernunftmensch — der nur von vorangegangenen Ursachen auf nachfolgende Wirkungen, und wieder umgekehrt zu schließen gewohnt ist, der außer dem Sichtbaren und gleich in die Sinne Fallenden, und wofür er straks einen mathematischen Beweis in Händen hat, Nichts unangetastet durchgehen läßt — dagegen einwenden mag, wenn, wie es so häufig geschieht, von den vielbesprochenen freudigen oder traurigen Ahnungen, Vorgefühlen und Anzeigen die Rede ist, die oft in höchst seltsamen Erscheinungen in bas Leben treten, uns mit Staunen und Verwunderung erfüllen, und auf eine unerklärbare Verbindung zwischen Geister- und Körperwelt hindeuten; so ist es doch offenbar mehr als ein bloßer Zufall, wenn solch' ein freudiges oder banges Andeuten aus höhern Räumen nicht selten mit den zugleich mitempfundenen kleinsten Nebenumständen, sich zur klaren Wirklichkeit gestaltet und dann an dem Menschen dieser Zeit und dieses Raumes thätig in Erfüllung ging, waS der stets rege, fesselfreie Geist — in das Gebiet der Unendlichkeit sich aufschwingend — im Gesicht des Traumes, in der Verzückung vorahnend empfand.
Ist der Aberglaube auf der einen Seite oft zu weit gegangen, und hat das an sich leicht Erklärbare und im gewöhnlichen Gange der Dinge Geschehene zu seiner Bequemlichkeit unverständig, so wie zu seinem Nutzen verschmitzt in das Reich des Unerklärbaren und Wunderbaren versetzt; so hat der Unglaube die Tadel« und Zweifelsucht auf der andern Seite sicher auch die Grenze überschritten, das Faktum zur Lüge gestempelt, und sich da ein anmaßendes Verwerfen und Absprechen erlaubt,
wo ein bescheidenes Schweigen, ein stilles Nachdenken wohl mehr geziemt hätte.
Wer kennt genau die Geistesthätigkeit des Individuums ; wer die Verbindungen, die über Zeit und Raum hinaus die Geister- und Körperwelt mit einander unterhalten mag? — Wer ist immer in der erforderlichen Stimmung, auf ihre Mahnungen zu achten und sie wieder zu erkennen? — Der Mensch ist ein Pilger hienie- den, das Ziel seiner mühevollen Fahrt ist Jenseits aufgestellt, viele sind ihm bereits vorangegangen, die ihm theuer waren, deßhalb weiht er auch seinen, in der Ewigkeit dahingeschiedenen Lieben manche reumüthige Erin, nerung, manche stille Thräne. Diese rein geistige Ver, bindung ist also wirklich vorhanden, sie ist von der Erde himmelwärts da, sollte sie nicht auch von dem Himmel erbenwärts gedacht werden können?
Und wiederum, ist eS denn so klein, so niedrig, so unwürdig, diesen Glauben, für den so viele Stellen der heiligen Urkunden mit Bestimmtheit sprechen, zu hegen und weise zu pflegen, ohne daß das Licht der Wahrheit und Vernunft dadurch verdunkelt und gar verlöscht, und dem schnöden Mißbrauche, der auch das Heiligste schändet, Thor und Thür geöffnet werde?
Wenn wir endlich einrâumen, daß höhere seligere Geister, daß Engel die große Lücke ausfüllen, die wir zwischen dem ewigen hocherhabenen Weltenschöpfer und dem endlichen, im Staube der Niedrigkeit lebenden Menschen gewahren, warum wollen wir ihre Verbindung mit ihrem Einfluß auf die Menschenwelt eigensinnig bestreiten und verwerfen, und uns dadurch einer lächerlichen Inkonsequenz schuldig machen?
Doch nun zur Erzählung der oben angedeuteten Begebenheit ; möge der geneigte Leser von dem Gesagten auf •sie die Anwendung machen.
ES war in der letzten Hälfte deS Monats Novem-
