„Es ist gut, Bürger, sagte er, ich verstehe. Braucht's eine Antwort?"
„Nein, erwiederte der Mulatte. Geh!"
Der Auvergnate verschwand.
„An den Herrn Polizeikommissär des Stadtsviertels Saint-Sulpice, erwiederte der Bettler, der Alles verstanden hatte. Was soll das bedeuten? Ich werde auf diesen Menschen Achl geben."
Sobald sich der Auvergnate entfernt hatte, nahm Carral's Gesicht seine frühere Heiterkeit wieder an.
„Nun, sagte er lustig, wollen wir unser Glück versuchen?"
„Heute nicht," antwortete Xavier.
„Wie! Sie suchen auszuweichen?"
„Ich habe kein Geld."
„Daran soll's nicht fehlen, ich werde Ihnen leihen."
Indem er dieß sagte, stieß sein Fuß an ein kleines Päckchen, das auf den steinernen Platten des Balkons lag.
„Sehen Sie, da ist ja die geheimnißvolle Gabe, die dießmal zu recht gelegener Zeit kommt!..."
Xavier nahm das Papier, das wie gewöhnlich fünfzehn Goldstücke enthielt.
„Das Schicksal will es, murmelte er, gehen wir!"
Carral konnte ein Gefühl der Freude nicht unterdrücken. Als sie das Haus verließen, streckte der Bettler nach seiner Gewohnheit die Hand nach Xavier aus, der aber in seiner Zerstreutheit ihm heute sein gewöhnliches Almosen verweigert.
„Wo ist es denn?" fragte der junge Mann den Mulatten.
„Hinterher Saint-Sulpice-Kirche, in der Straße Servandoni.
Der Bettler hatte traurig den Kopf sinken lassen.
„Dies ist das erste Mal, daß er mir eine Gabe verweigert, murmelte er; dieser Mann wird sein Herz verderben."
Er eilte den Beiden auf dem Fuße nach. Diese aber hatten bereits einen Vorsprung, und der Bettler sah sie erst, als sie um die Ecke des Marktplatzes Saint Germain bogen. Als er die Straße Servandoni erreicht, sah er die beiden Freunde in eine niedere Thüre in ein Haus treten, das sich gleich wieder hinter ihnen schloß.
Er stellte sich neben die Thüre hin, und beschloß zu warten.
Von Zeit zu Zeit traten neue Ankömmlinge ein; bevor die Meisten jedoch hineingingen, warsen sie rechts und links unruhige Blicke um sich, wußte nicht, aus Furcht oder aus Scham.
Der schwarze Bettler kannte die Zustände der Gesellschaft in Frankreich nur höchst unvollkommen, war
aber deßhalb beständig auf ferner Hut. Was er seit seiner Ankunft in diesem Lande gesehen, hatte ihm eine gewisse Furcht vor den Menschen eingeflößt, nicht um seiner selbst, sondern um eines vielgeliebten Wesens willen, dem er sein ganzes Leben weihte.
Ohne sich über den Grund seiner Befürchtung Rechenschaft geben zu können, argwöhnte er doch eine Gefahr hinter den Mauern dieses Hauses.
Während der Zeit vermehrte eine Menge anscheinend unbedeutender Anzeichen seine Unruhe. Bisweilen wurden die Laden des obersten Stockwerkes erschüttert, als wenn ein Kopf gegen sie angeprellt oder angerannt wäre; dann ertönte gellendes weibliches Gelächter, und man hörte ein gewisses metallenes Geräusch, als wenn Goldstücke auf den Tisch geworfen würden.
„Was geht da drinnen vor? dachte der Neger."
(Fortsetzung folgt.)
Die Aula.
(Fortsetzung.)
Ein zweiter Sprecher theilte mit, es sey bereits Befehl gegeben, das Zimmer herzurichten, sie möchten sich hier gedulden, es werde bald fertig seyn.
Der Rothnasige riß abermals und noch mehr die Augen auf— er war überrascht! Wozu sollte die Höflichkeit? man konnte ihn ja doch ohne Höflichkeit in die andere Welt transportiren! Da er aber die ernstfreundlichen Mienen der Komite-Glieder bemerkte, fingen andere Gedanken an, in ihm Platz zu greifen, und so viel man aus seinem Kauderwelsch klug werden konnte, entnahm man, daß Beide mit den entsetzlichsten Vorstellungen, die man im Lager von den Studenten gemacht', hierher gekommen wären und sicher ihrem schleunigen Tode entgegen zu gehen glaubten.
Zuversichtlicher deutsste er nun an, daß sie beide krank seyen. Man versprach, ihnen einen Doktor zu senden. Kurz, die Herren Offiziere wurden wieder so leichten Herzens, daß sie die linkischsten, zahlreichsten und endlosesten Bücklinge vor dem Komite machten, als man sie auf ihr Zimmer entließ.
Ein Mediziner wurde ihnen gesendet, er untersuchte sie und verschrieb ihnen . . . Jedem einen tüchtigen Rostbraten! Die Jellachichl'schen Helden hatten Tage lang nichts Ordentliches gegessen, und der wunde Fleck war — der Magen!
Die Medizin war die rechte und behagte außerordentlich, der Legionär hatte die Krankheit getroffen. Die Patienten wurden von diesem Remedium so kurirt, daß
