Wien ist der beste, der schlagendste Beweis hierfür, wie weit das menschliche Herz, das im Frieden vor leisesten Berührung mit den Fühlfäden der Leiden- ft zusammenzuckt, im Kampfe den härtesten, spitzesten men der Empörung sich willig hingibt — davon ein spiel.
Das Komite saß noch im Kapellensaale. Es war Abend des 6. Oktober. Draußen auf der Straße 1 die Leiche Latour's am lichtströmenden Candelaber; ihn die schreiende wilde Masse, die im Andenken an gefallenen Brüder, Vâter, Mütter nichts will, als heiße Brust mit Rache kühlen, und alles Andere ;ißt; im Hintergründe des Platzes die todesmuthige aar, die das Zeughaus stürmt. Die Kanonen- und chsenschüsse, das Röcheln der Sterbenden, das Geschrei Kämpfenden bilden die Musik zu dem großen Drama.
Im Saale sitzt das Komite, beordert Kanonen, lamentäre und zugleich dringende Bitten an den chstag, dem Schauspiel ein Ende zu machen. Der le gewölbte Saal ist von einer Lampe matt erleuch- die von der Decke hängt; dem Präsidenten und riftführer hilft eine Kerze aus, die zwischen ihnen
Rings herum die Masse der Neugierigen, Berichen, Ordonnanzen; das Halbdunkel bringt eine gewisse eimlichkeit hervor.
Ein Stürmen, Stoßen, Drängen beginnt, eine Masse zt sich heran: „Aushängen! Ein Schwarzgelber! hängen!" schreit man von allen Seiten, und aus . Masse tritt plötzlich eine Gruppe an den Tisch. Es zwei gebräunte Arbeiter, mit langen spitzen Eisengen in der Hand. Beide halten einen Mann beim gen — Himmel, wie sieht der Mann aus — es ist -cklich, schauderhaft!
Zwischen den Arbeitern steht er — die Stirn ist ihm Breite nach gespalten, und aus der klaffenden Wunde Ü das Blut über das Gesicht und die Brust, die vorn entblößt ist; denn den Rock hat er nicht mehr, und das Hemd bedeckt in Unordnung den Oberkörper, ^kahl ist das Gesicht, von blutigen Streifen durch- n, das Auge groß, stier, und der Mann starrt ge- sterähnlich vor sich hin. Das schaurige Halbdunkel l, und die Phantasie hat ein Bild, das sie mit Ent- n erfüllen muß.
Was gibt's, was gibt's? ist die stürmische Anfrage Komitemitglieder — einer der Arbeiter referirt: Der nn da hat geschimpft auf die Legion, er hat aller- ) gereb't, so verdächtig, bei der Leiche vom Latour w ist ein Schwarzgelber! Das war an diesem Tage größte und härteste Schimpf. Des Mannes Brust t stürmisch auf und nieder; klanglos, monoton, mit nrengung spricht er. .. er war „am Hof" mit seinem
Kinde, er hat im Gedränge sein Kind verloren und darum gejammert!
Unglückseliges Mißverständniß , das ein Vatergefühl anders auslegte und als Ersatz für den Verlust eine klaffende Stirnwunde bot ! — Dabei wußte der blutende Vater nicht, ist sein Kind zertreten, erdrückt, erschossen, sieht er es je wieder — entsetzlicher Moment!
Man ließ den Mann nicht aussprechen, man erkannte das unglückselige Mißverständniß , zwei Legionäre nahmen ihn unter den Arm und führten ihn in's Spital, das im Hause war. Aber noch unten an der Treppe Ichrie die Masse „aufhängen, aufhängen," nur die moralische Macht der Legionäre rettete den Blutenden vor dem gewissen Tode.
Und zu solchen Momenten brachte die Leidenschaft den gutmüthigen, weichherzigen Wiener!
Wenn ich mir ein recht schauerliches Bild vor die Seele führen will, male ich mir den fahlen, großäugigen, glotzenden Mann mit dem gespaltenen Schädel, über dessen Wangen und wogende Brust das Blut rieselt, und über ihm das schaurige, unheimliche Kapellenhalbdunkel. Die blutigen Geister der alten Sagen und Mähren stehen dann verkörpert vor mir.
Die Arbeiter haben geirrt, aber sie haben zur Sühne ihren Leib den feindlichen Kugeln geboten.
(Fortsetzung folgt.)
Erinnerungen aus den Tagen der Schlacht bei Hanau.
(Fortsetzung.)
Während noch jene Soldaten Schrecken und Furcht in unserem Hause verbreiteten, hatte sich eine meiner erwachsenen Schwestern in eine der obern Stuben begeben, um noch Einiges zu verbergen. Kaum hatte sie diese Stube betreten, so sah sie sich von diesen zwei Unmenschen umgeben, welche ihre Drohungen auch hier wiederholten. Kurz entschlossen, stößt sie dieselben in ihrer verzweifelten Lage von sich, stürzt sich dle Treppe hinab, und ist mit Hülfe einer Leiter blitzesschnell über die, unsern Hof vom nahen Kirchhofe trennende, Mauer, nach Büdingen zu eilend. Bei dem nahe gelegenen Mittelgründau traf sie zwei von unseren flüchtigen Freunden, von denen der eine berittene, nachdem er das Vorgefallene vernommen, ohne Verzug zu unserer Hülfe herbeieilte, während meine Schwester und der andere ihm nachfolgten. Leider war der dritte dieser Männer, sein Name war Riga!, von der Seite seiner Freunde verschwunden. Der schon bekannte Schwebb hatte seinen Plan, diese Un-
