Dier war hübsch; er sprach gut und mit Wärme. Helene schenkte ihm ihr Herz, ohne daß sie es selbst wußte. Als sie sich dieser Liebe bewußt ward, war es zu spät; sie suhlte ihre Schwäche und versuchte daher nicht einmal, dagegen anzukämpfen.
Helene war ein liebenswürdiges Geschöpf von siebenzehn Jahren. Der Typus ihrer Physiognomie war durchaus französisch, und ihre Schönheit bestand mehr in der dem Ausdrucke, als in der vollkommenen Regelmäßigkeit ihrer Züge. Der Blick ihrer großen blauen, mandelförmig geschnittenen Augen war sanft und schmelzend, ihre ernste Stirne nachdenkend, ihr beweglicher Mund hatte kaum nöthig, zu sprechen, um sich verständlich zu machen.
Zuweilen unterdrückt eine allzustrenge Erziehung die Seele und das geistige Wesen der Töchter aus großen Häusern; dadurch, daß sie alles mögliche Wissen sich angeeignet, haben sie ihre Natürlichkeit verloren, und können nicht anders lächeln, gehen oder schweigen, als nach Vorschrift und Regel. Helene war dieser Verkehrtheit glücklich entgangen. Ihr Vater hatte sie nämlich nicht ausschließlich der Sorgfalt von Frau von Rumbrye anvertraut, sondern ihr freien Willen gelassen, und Frau von Rumbrye hatte sich ihrerseits, um das Zutrauen ihrer Stieftochter zu erlangen, stets als eine gefällige und liebende Stiefmutter gezeigt. Aber die Frauen können nur Männer täuschen, Helene traute der Marquise nicht, das heißt, sie glaubte nicht an deren Zuneigung; sie traute ihr hauptsächlich nicht in dem, was Lavier und dessen Liebe anlangte. Zu verschiedenen Malen hatte die Marquise auf jene einnehmende und unwiderstehliche Weise, welche die Beredsamkeit der Frauen ausmacht, versucht, das Zutrauen Helenens zu sich zu erwecken. Um zu diesem Zwecke zu gelangen, hatte sie mehr Kniffe, mehr Verstellung und mehr List angewandt, als nöthig gewesen wäre, um, vergleichsweise zu reden, das Personal dreier Gesandten zu gewinnen, doch alles vergebens.
(Fortsetzung folgt.)
Friedrich Wilhelm der Vierte.
Jeder Zoll ein König! (Lear.)
Während man von allen Seiten, je nach der verschiedenen Ansicht und Parteistellung, seine Vermuthungen über dasjenige aufstellte, was Friedrich Wilhelm IV. in dem gegenwärtigen Augenblicke thun würde, hat dieser etwas gethan, waS Niemand vermuthen konnte. Die Gegenwart wird die Anklägerin dieses Königs seyn, die Presse das Wort führen, die Geschichte das Urtheil fällen.
Wenn Jemand von einem recht großen Weh betrof
fen wird, so ist die erste Empfindung ein gewisser Natur, schmerz, der seine Berechtigung hat, der nicht räsonnirt und mit dem nicht zu räsonniren ist; diesen Schmerz empfindet in diesem Augenblicke Deutschland, und es ist darum noch zu früh zum Urtheilen, wohl aber möchten einige Betrachtungen über den Eharakter dieses Königs im Allgemeinen an der Zeit seyn.
Ein deutsches Blatt hat ihn einen verhängniß- voll tragischen genannt, und gewiß mit Recht. Die tragischen Elemente desselben sind unverkennbar und genau dieselben, denen wir in einigen der hervorragendsten tragischen Charakterbilder Shakespeares begegnen. Zunächst finden wir einige Hauptzüge im „König Lear." Dieser hat die überspannteste Idee von seinem Königthum; er hält es für einen providentiellen, seiner Person anklebenden Beruf — „Jeder Zoll ein König!" — für etwas Göttliches; er will diese Idee anerkannt wissen, sie soll ihm gegenständlich werben durch abgöttische Verehrung, die er, eine Art von Dalai-Lama, selbst von seinen Kindern fordert. Und gerade darin, daß dieses Bedürfniß in eine gewissenhaft kindische Eitelkeit, also in eine sehr menschliche Schwäche ausartet und der Hebel wird, daß er in geistiger Blindheit den bösen Töchtern sein Reich abtritt und die gute Tochter verstößt, zeigt sich der un- geheure Hohn des Schicksals.
Auch Friedrich Wilhelm IV. hat dieselbe überspannte Idee von seiner providentiellen Bestimmung, auch er findet stets bereite feile Knechte, die, diese Schwäche ausbeutend, ihn auf seinem verderbenschwangeren Weg erhalten und weiter führen, während er seine und des Vaterlandes wahre Freunde, die dieser längst überwundenen Idee enlgegentreten, zu seinem Unheil von sich stößt.
Ein ferneres tragisches Element bei „Lear" besteht darin, daß er an sich berechtigte Ideen da geltend machen will, wo eine andere Idee ihr berechtigtes Gebiet hat, den Vater, wo das Königthum, den König, wo der Vater zur Geltung kommen muß, im Allgemeinen aber seine Individualität, seine persönlichen Gefühle und Neigungen, wo das hoch darüber stehende Königthum allein berechtigt ist. Bei der Wahl des Nachfolgers auf dem Throne dürfen nur die Pflichten gegen sein Land den Ausschlag geben, er muß den Tüchtigsten wählen zum Regiment; hier aber läßt er den Vater zu Gunsten seiner Töchter entscheiden, und selbst unter diesen wählt er nach subjektiver Neigung diejenigen, die ihm am mei# ßen geschmeichelt haben. Wie diese aber den Thron bestiegen haben, kann er sich nicht resigniren; er will den alten Götzendienst fortgesetzt wissen, er macht Fegen sie und ihre Umgebung immer noch den König geltend.
(Schluß folgt.)
