Der Wanderer.
belletristisches Beiblatt zur
Allgem. Zeitung.
1849. — J|f 84 Ä 85.
△ ® et schwarze Bettler.
(Fortsetzung.)
Frau von Rumbrye setzte sich, legte nachlässig die alten ihres seidenen Kleides auseinander, und brachte n oder zwei Sekunden damit zu, die behaglichste Stel- ng zu suchen. Als sie dieselbe gefunden, neigte sie r Haupt auf ihre Schulter und schloß halb die Augen.
„Man muß Euch holen, Juan de Carral, nahm sie s Wort; seit wann genügt ein Wort von mir nicht ehr, Euch zu rufen?"
Der Mulatte öffnete den Mund zu einer Entschul- gung, doch Sie Marquise {gebot ihm mit einem Winke chweigen. Dieser Wink bezeichnete ganz einfach einen i andern Ende des Zimmers stehenden Schemel. Car- l holte ihn und setzte ihn zu den Füßen der Frau von ambrye. Die Kreolin vervollständigte dadurch ihre cllung, kreuzte ihre zarten Füße übereinander, und be# ad sich so in einer ganz behaglichen Lage.
Carral blieb vor ihr stehen, stumm und mit nieder- chlagenen Augen.
„Ich habe Euch zweimal geschrieben, sagte Frau von imbrye, zweimal.... Ich... an Euch!... Warum bt Ihr mir nicht geantwortet?"
„Ich wagte nicht...."
„Ihr wagtet nicht? Warum? Weil Ihr mir unge- Ksam gewesen?..."
„Nein, Gebieterin; Ihre Befehle find vollzogen."
Die Stirn der Marquise ward heiter.
-,Du bist ein guter Junge, Jonquille," sagte fie mit er hellen, singenden Stimme, der die Kreolen einen so chdringenden Reiz zu geben wissen. „Nun, was hast ; denn gethan?"
„Ich bin mit dem jungen Mann in Verbindung ge- en, erwiederte Carral; seit einem Monat sind wir un
zertrennlich; Sie sehen, wir leben wie Brüder, ein einziges Zimmer für uns Beide!"
„Gut! Ich kannte Dich als einen geschickten Bur, schen. Doch weiter?"
„Ich kenne seine Geschichte und seine kleinen Geheimnisse."
„Vortrefflich! Weiter?"
„Gebieterin, sagte Carral in betrübtem und flehendem Tone, Lavier liebt mich; seit langer Zeit hat mich Niemand geliebt.... Mitleid für ihn! Fügen Sie ihm kein Uebel zu."
„Armer Jonquille!" murmelte die Marquifin, ihren Kopf abwendend.
In ihrem Lächeln lag eine ruhige, mitleidslose Ironie. Der Mulatte fühlte seine Zähne klappern. Eine Regung wüthenden Hasses stieg in ihm auf.
„Juan von Carral, fuhr die Gräfin fort, ihn firirend, ist das Alles, was Ihr gethan?"
„Er ist noch so jung!" murmelte der Mulatte.
Frau von Rumbrye zog ein kleines Mäulchen, das ein Kenner entzückend gefunden haben würde; dann ließ fie, ein leichtes Gähnen erkünstelnd, die Worte fallen:
„Ihr macht Umschweife, mein armer Junge'. Laßt uns vernünftig werden, wenn es Euch beliebt, ^ch gab Euch einen Befehl, den Ihr nur zur Hälfte ausgeführt habt. Das ist gefährlich, wißt ihr das?"
„Ich weiß, daß ich Ihnen gehöre, meine Gebieterin, ich weiß, daß mein thörichter Stolz mich ebenso sehr und noch mehr, als wenn wir nicht in einem freien Lande wären, zu Ihrem Sklaven macht. Es war ein unseliger Tag, an welchem ich, meine Abkunft verlaugnend, einen adeligen Ramen mir beilegte, um Neid zu erregen, nachdem ich so lange nur Mitleid eingeflößt. Ich glaubte, in Europa sey der Mulatte ein von Allen verfluchtes Wesen, ein armseliger Gegenstand des Spottes, ein Pa-
