„Immer noch zurückhaltend!... Doch meine Frage war überflüssig, ich wußte ja, daß sie dort war: da ist sie."
Xavier neigte sich noch mehr hinüber. Ein junges Mädchen von ausnehmender Schönheit, mit jener aristokratischen Einfachheit gekleivet, welche entzückt und die man nicht malen kann, überschritt in diesem Augenblick die Schwelle der Kirche. Eine Gesellschaftsdame in strenger Amtstracht folgte ihr auf dem Fuße. Als das junge Mädchen an dem schwarzen Bettler vorbeiging, legte sie ein Stück Geld in seine Hand, wobei der Bettler liebe- Doll lächelte. Dann erhob das junge Mädchen einen verstohlenen Blick nach dem Balkon; ein leichtes Roth kam auf ihre Wangen.
Sie liebt ihn!... dachte Carral.
Xavier faltete unwillkürlich seine Hände.
Ihrerseits richtete nun Mistreß Blowter, die Gesellschaftsdame, — man muß eine Engländerin seyn, wenn man Gesellschaftsdame ist, — ihre Augen in die Höhe, doch nur, um nach dem Wetter zu sehen.
Der Himmel, welcher den ganzen Tag über heiter gewesen, bedeckte sich jetzt mit Wolken, und schon begann es in kleinen Tropfen zu regnen. Die Engländerin nahm eine ernstlich erschreckte Miene an und ließ ihren Blick über den Platz schweifen. Es war nur ein Fiaker da, und dieser Fiaker, dessen Kutscher auf seinem Sitze schnarchte, war am andern Ende des Platzes. (Forts, f.)
Ludwig von Schwanthaler.
(Fortsetzung.)
Eine ganz unfaßbare Thätigkeit entwickelte Schwanthaler für den Saalbau. Außer den zwölf großen Statuen der Ahnen des Regentenhauses, die den Thronsaal einnehmen, sehen wir ihn hier bayerische Geschichten einwerfen für Medaillons des Altans, Tänzergruppen für den Ballsaal, einen langen Fries mit Kreuzzügen für den Barbarossa-Saal, und endlich noch für sechs große Säle Zeichnungen zur Odyssee, deren Ausführung in Malerhände gelegt war. Inzwischen hatte man auch angefangen, in verschiedenen Städten auf öffentlichen Plätzen Ehrenbildsäulen aufzustellen, und das Vertrauen der Fürsten und des Publikums hatte sich in den meisten Fällen an Schwanthaler gewendet. So wurden die Denkmäler Mozart's, Jean Paul'S, Göthe's, deS Großherzogs Karl Friedrich von Baden, des Großherzogs Ludwig von Hessen, des Markgrafen Friedrich von Brandenburg, ferner Kreitmayer's, Tilly's und Wrede's und des
Königs Karl Johann von Schweden sein Werk. Daran reihte sich das Denkmal des Donau-Main-KanalS, und in neuester Zeit die Folge von Statuen ausgezeichneter Böhmen, welche H. Veith auf Liboch für sein böhmisches Ehrendenkmal bestimmt hat.
Und bei all diesen Riesenarbeiten blieben ihm Zeit und Kräfte zur Ausführung jenes wunderbaren Kolosses der Bavaria, der aus der bayerischen Ruhmeshalle über der Theresienwiese emporragen wird als Denkmal einer über das gewöhnliche Maß weit hinausgesteigerten edlen Leidenschaft. Hier werden auch noch zwei Giebelfelder mit Statuen und eine große Anzahl Metopen mit Re, liess von Schwanthalers Fleiß und Erfindungsgabe in seiner letzten durch Krankheit geschwächten Lebenszeit Zeugniß geben, während auf der Freiung in Wien der Ruhm seines Namens an dem Brunnen fortlebt, welchem er eine reiche architektonische und statuarische Ausschmückung gegeben.
Noch immer aber haben wir den Kreis der Thätigkeit unseres Meisters nicht genügend umschrieben, wenn auch nur wenige öffentliche Arbeiten (wie z. B. die Statue des Königs Ludwig für die Universität in München, die Statuen der bayerischen Kreise auf dem Saalbau, die Viktorien für die Befreiungshalle rc.) unerwähnt geblieben seyn sollten.
Unter den Werken für Private oder für den Schmuck von in der Regel nicht leicht zugänglichen Sälen und Palästen ist vor Allen der Tafelaufsatz mit den Gestalten des Nibelungenlieds für den jetzt regierenden König Maximilian von Bayern zu nennen; sodann der Schild des Herkules, der in mehreren Exemplaren in Erz auS- geführt worden; ferner eine Anzahl Statuen, Götter und Tänzerinnen, für den Herzog von Nassau; eine Marmorgruppe, Ceres und Proserpina, für den Grafen von Redern, und eine Nymphe in Carraraâarmor für den Grafen Arco, andere ähnliche Gestalten für Hohenschwangau rc. und eine große Anzahl Bildnisse in Medaillons und Büsten; nicht zu gedenken einer Menge Zeichnungen und Entwürfe, die noch nicht zur Ausführung gekommen, wohin namentlich die sehr ausgeführte köstliche Skizze eines Reiterregiments für den König Matthias Corvinus zu rechnen ist, das für Ungarn in Aussicht stand.
Fragen wir nun nach dem Geist, der in allen diesen Werken lebt, so tritt uns zuerst als ein gemeinschaftliches Merkmal aller die in der That unerschöpfliche Phantasie des Künstlers entgegen. In so vielen Hundert Situationen und Handlungen, so vielen Tausend Gestalten, Bewegungen, Stellungen fast keine Wiederholung und eine Mannichfaltigkeit fast ohne Beispiel. Man werfe nur
