aufmerksam machen und nebenbei gelegentlich auch den Kammerpräsidenten spielen mußte.
Das Grundübel der Kammer bestand aber darin, daß sie sich selber nicht klar war über ihren eigentlichen Beruf. War sie eine rein koustitnirende Versammlung? War sie ein gewöhnlicher Landtag? Diese Kompetenzfragen bewegten lange Zeit die Gemüther, ohne daß man zu einer bestimmten, gemeinsamen Entschließung kommen konnte. Dagegen versäumte es die Kammer nicht durch eine Fluth von Interpellationen, der Regierung fortwährend in's Handwerk zu pfuschen. In vielen Fällen war eS schwer zu entscheiden, wer eigentlich regiere, ob die Regierung oder die Kammer? Indem es aber den Anschein gewann, als ob die Regierung blos die mechanische Vollzieherin der Kammerbeschlüsse sey — die Kammer also in That und Wahrheit der Regierung — untergrub die Versammlung unbewußt ihre ganze Popularität. Denn eine Regierung ist eigentlich nie populär, einfach deßhalb — weil sie regiert. Indem aber die Kammer sich den Anschein gab, als regiere sie auch, mußte sie auch all das Gehäßige des Regierens mit in Kauf nehmen. Gerade darum, weil eine Kammer den Gegensatz bildet zur Regierung, ist sie volksbeliebt, mit dem Gegensatze fällt auch die Popularität. Deßhalb gibt es keinen größeren Hebel der Popularität für eine Kammer, als das Veto der Regierung. Das Veto der Regierung sichert der Kammer allezeit den moralischen Rückhalt bei den Massen. Eine vernünftige Kammer wird aber diesen Rückhalt weit höher anschlagen, als ein aus Kosten desselben erkauftes formelles Recht der Regierung gegenüber.
Statt daß die Kammer rasch die dringendsten Gesetze erledigt und dadurch das Vertrauen und den Dank des Landes gewonnen hätte, zog sie ihre Verhandlungen in endlose Länge und förderte daS Erheblichste sehr langsam. Der Vorsprung, welchen Nassau in den Märztagen gewonnen, ging größtcntheils durch das Verschulden der Kammer wieder verloren. Von allen Nachbarstaaten mußten wir z. B. am längsten auf das Schwurgericht warten, weil der dafür niedergesetzte Ausschuß lieber Wochen und Monate verschwendete, um seine gesetzgeberische Virtuosität zu bekunden, als daß er einfach die Vorlage zur ralchcn Erledigung gebracht hätte. So verdarb es die Kammer mit allen Parteien, und cs fehlt wenig mehr, daß das Maß ihrer Unpopularität so voll ist, wie bei ihrer Vorgängerin.
Es war aber ein rechter Unstern für daS Land, daß in dem Jahre der Bewegung gar keine Macht eristirte, die sich des allgemeinen Vertrauens erfreut hätte. Dadurch sind wir in allen Stücken zurückgekommen, zerfahren
in unserem politischen Leben, zu Schanden geworden in unserem Ansehen nach Außen. Dasselbe Nassau, welches im März 1848 voran war, befindet sich jetzt in einer^so schiefen und ungünstigen Lage, wie kaum irgend ein anderes deutsches Land. Die Regierung ohne Energie, "die Kammer ohne Popularität, der Staatsschatz ohne Geld, das Volk voll verkehrter Einbildungen, die Gesetze ohne Autorität, die Beamten ohne Disziplin! — Was will man mehr?
Betrachten wir nun daS innere Leben der Volkskammer. Eigentliche Redner gibt es nicht in derselben, wie überhaupt förmliche Reden kaum gehalten werden. Das wäre nun just kein sonderlicher Nachtheil. Allein der Umstand, daß die Diskussion gewöhnlich nach Art einer geselligen Unterhaltung vor sich geht, führt zu endloser Wortmacherei, und verschleppt die Verhandlungen. Darum kann das Volk so wenig politische Bildung aus den nassauischen Kammerprotokollen schöpfen, während doch die Verhandlungen anderer Kammern, z. B. der badischen, von jeher eine wahre Schule der Staatsweisheit für das Volk waren. Liest man die Unterhaltungen der nassauischen Abgeordneten gedruckt, dann fällt Einem unwillkürlich jener englische Philosoph bei, der seinen be- ruhmten Freunden, die beim Kartenspiel saßen, ihre Zwie- sprach wörtlich nachschrieb. Als er nämlich dieses Protokoll nachher öffentlich vorlas, da verwunderte sich alle Welt, wie so berühmte und gescheute Leute zwei Stunden lang nichts als einfältiges Zeug hätten sprechen können. (Forts, f.)
Miszellen.
«--- Ein bekannter Schriftsteller sagt: Die Laien schweigen bescheiden, sobald Eingeweihte von den Alten, von Mathematik, Physik, Philosophie, Medicin, Juspa sprechen — ist aber von Politik die Rede, ist Jeder ein Adept, d. h. Kannegießer!
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Die ersten, welche glaubten sich den Schnupftabak in die Nase stopfen zu müssen, wurden verhöhnt und dann ein wenig verfolgt. Der englische König Jakob I. schrieb gegen die Tabaksschnupfer ein Buch: Miso Capnos. Einige Jahre später er- communicirte der Papst Urban VIII. die Personen, die in der Kirche Tabak nahmen. — Die Kaiserin Elisabeth glaubte der Ercommunicationsstrafe noch eine Sanction beifügen zu müssen: sie gestatlkte den Küsten?, denjenigen die Tabatieren zu confis- circn, die in der Kirche schnupften. Amurat IV. verbot das Tabakschnupfen bei Gefahr des Nasenabschneidens.
Verantwortlicher Redakteur: W. H. Riehl.
Druck und Verlag der L. Schellcnberg'schen Hof-Buchhandlung in Wiesbaden.
