Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen SHlgcm. Zeitung.
1849. — 33 69.
Aus den Deutschen wird nie etwas»
(Fortsetzung.)
Ich ging zurück. In der Schenke zum alten Fritz waren meine deutschen Hinterwâlder zahlreich versammelt. Mit neugieriger Spannung empfingen sie mich.
„Liebe Landsleute," sagt' ich, indem ich mich auf einen Stuhl stellte, um besser verstanden zu werden — „es freut mich, daß ich Euch klaren Wein einschenken kann. Euer Oesterreicher, der vortreffliche Herr von Schmerl, ist ein Fuchs, der Euch bei der Nase herum führt, und wenn er nicht mit Euren Feinden, den süßen Siour, unter Einer Decke spielt, dann will ich gehängt werden. Er hat ganz und gar keine Lust daran, das Mitglied oder der Vorsteher eines tüchtigen freien Ge- meinwesens zu werden: aber er spekulirt darauf, Euch alle unter die Fuchtel zu nehmen und sich als Euren „Vogt" aufzuwerfen. Darum — Ihr mögt mich in den Wisconsin werfen, wenn's gelogen ist — schwatzt er Euch allerhand Dinge vor, damit nur ja Uneinigkeit unter Euch bleibe, bis der Siour, dem er Euch verräth, plötzlich da ist und Ihr in der Noth Alles thut, was er will, damit er Euch nur beisteht. Ich sage Euch, er ist ein tückischer Kerl, und darum laßt ihn laufen. Seht Euch vor, denn die Rothhäute sind näher, als Ihr glaubt."
„Bravo!" schrieen der Preuße und ein paar andere Stimmen, und ich stieg vom Stuhle herunter und freute mich, ihnen den Staar gestochen zu haben. Aber — weit gefehlt! eS brach ein wahrer Höllenlärm über meine Worte loS: der Eine nannte mich einen Verläumder, der Andere verschwor sich hoch und theuer, er wolle den Herrn von Schmerl zehntausend Mal lieber zum Vogt als den Preußen zum Vorsteher, der Dritte packte mich am Kragen und nannte mich einen Schuft, ich sey gar
nicht bei dem Herrn von Schmerl gewesen, und der Wirth, der verfluchte Preuße, habe mich bestochen — kurz ein Herensabbath lobte in der Schenke zum alten Fritz, bis endlich der Preuße ein Scheit Holz aus dem Heerd- feuer nahm und in heller Wuth die ganze Sippschaft seiner deutschen Brüder zum Hause hinausprügelte.
„Mich und meine Begleiter aber verdroß die Thorheit und Unverträglichkeit unserer Landsleute in der Fremde auf's Aeußerste. Wir schnürten unwillig unsere Büffelhäute zusammen, warfen die Waidtaschen und unsere Rifles über die Schulter und ließen unmuthig die ganze Ansiedlung hinter uns. Wir begaben uns an den Michi- gan-See, an dem wir einige Wochen lang der Biberjagd oblagen. Einige Tage vor unserer Abreise aus jener Gegend, als wir eines Morgens am Ufer des Gewässers nach unseren Fallen ausgingen, stießen uns zwei Männer auf, die im trübseligsten Aufzuge daher kamen. Ihre Kleider waren zerrissen, ihre Füße wund und blutig, Noth und Kümmerniß sahen aus jedem ihrer Züge heraus; und kaum erkannten wir sie, als sie vor uns standen, als Ansiedler wieder, die wir in der Volsversamm- lung der deutschen Kolonie gesehen hatten. Sie sprachen uns um etwas Nahrung an — seit mehreren Tagen waren sie gewandert, ohne eine ordentliche Speise über die Lippen zu bringen. Wir stärkten sie mit Brod und Wein, und dann erzählten sie uns daS Schicksal der deutschen Kolonie am Wisconsin. Die Siour, sagten sie, haben uns wirklich überfallen, ehe wir uns nur irgend geeinigt und gemeinsame, tüchtige Vertheidigungs-Anstal- ten hergestellt hatten; sie haben unsere Häuser niedergebrannt und unsere Felder verwüstet; viele von uns sind erschlagen und die übrigen in alle Welt auseinander gesprengt worden. Wir sind unglückselige Menschen, und möchten unser Elend dort in der Tiefe des See's begraben."
