Das Jahrhundert ist verflossen, und bald wird das onnerwort durch die Völker brausen:
Ein deutscher Kaiser ist wieder auf Erden!
(Frkft. Konvers.-Bl.)
Nassau vom 4. März 1848 bis zum 4. März 1849.
(Fortsetzung.)
Am 2. März war die Bewegung noch eine Wies- adische gewesen, am 3. begann sie eine Nassauische zu )erden. Das Herzogthum Nassau kam in Person nach Liesbaden. Mit der anschwellenden Menschenmasse wuchs er Muth, wuchsen die Forderungen, wuchs aber auch ie Besorgniß vor einem tragischen Ausgange des verwegenen Beginnens, welches den Führern schier über den topf wachsen wollte. Noch war eine solche revolutionäre Demonstration nicht erhöhrt in Deutschland, denn der inzige verwandte Vorgang, die Riesendeputation des adischen Landes nach Karlsruhe, hielt den Vergleich richt aus mit dem Sturm, der über Wiesbaden ausge- ogen.
Man fürchtete die Mainzer Garnison, man versah ich des Anmarsches von Bundestruppen. Der Minister )attc die Eisenbahnschienen an der Landesgrenze aufreißen assen, um diesen Argwohn zu beschwichtigen.
Man besorgte, die Wiesbadener Kanonen möchten lufgefahren werden gegen die Volksmenge.. Man verlangte die Herausgabe der Kanonen. Nur mit Mühe beschwor der greise General von Preen die stürmischen Förderer, daß sie hiervon abstanden, aber eine Bürgerwache ward bei den Geschützen aufgestellt. Munition ward der Bürgerwehr übergeben, zum Glück jedoch nicht an die Einzelnen ausgetheilt.
Böswillige Gerüchte wurden ausgesprengt, als ob Der Herzog, wenn er zurückkehrte, mit Kugeln und Bajonetten antworten würde auf die Forderungen der Nassauer. Der sechszehnjährige Prinz Nikolaus begab sich selber unter die bewaffnete Masse, um diesen Argwohn zu bannen.. Es war eine schöne Szene in den wild bewegten Tagen, wie er zu der aufgeregten Menge sprach und sie versicherte, daß sein Bruder zu gut und edelmüthig sey, als daß man derlei Argwohn hegen dürfe, wie ihm ein jubelndes Hoch auf den Herzog antwortete, und wie der Prinz gerührt mit einem Händedruck einem Bürger dankte.
Diese wunderbare Verschmelzung der alten Treue mit dem rückhaltlos erwachten Drange nach der neuen Freiheit leuchtet als ein heller, versöhnender Schein über das große Drama unserer Märztage. Er sollte erst später verdüstert werden.
Die Regierung hatte faktisch aufgehört zu regieren, sie hatte buchstäblich den Kopf verloren. Dagegen begann sich am 3. März eine ziemlich abenteuerliche neue Regierung zu konstituiren, eine Art Wohlfahrtsausschuß — das Sicherheitskomite. Dieses Komitc ist eigentlich das einzige ächt revolutionäre Institut gewesen, welches unsere Märztage erzeugt haben. Es eristirte auch nur für einige Wochen und schlief allmählig wieder ein, in dem Maße, als die ordentlichen Behörden ans ihrem Starrkrämpfe wieder aufzuwachen begannen. Ueber dieses denkwürdige Sicherheitskomite, welches seine ernsthafte und seine humoristische Seite hatte, wollen wir weiter unten ein Mehreres reden.
Die freie Presse fand am dritten März ihre thatsächliche Verwirklichung. Die erste Nummer eines nassauischen Blattes — die „Freie Zeitung" ward ausgegeben. In Tausenden von Eremplaren ward das Blatt von den versammelten Leuten aus dem ganzen Lande aufgegriffen und als eine Siegestrophäe des Revolutionszuges zur Hauptstadt in die Heimath mitgenommen.
Und nun male man sich zu alle dem das bunte Gewimmel, Hunderte kleine Szenen des tiefsten Ernstes und per tiefsten Ironie! So ein keckes, bewegtes Leben hatte das friedliche Wiesbaden noch nie gesehen.
Die Bürgerwehr wählt ihre Anführer, theit sich in Rotten ab, macht die ersten Ererzierübungen, organisirt Patrouillen, stellt ihre Wachposten aus.
Es kommt allmählich ein gewisses System in die ungeheure Unordnung.
Aber während hier und dort falsche Gerüchte widerlegt, böse Mäuler beschwichtigt werden, bringt die Frankfurter Post einen neuen Funken der Aufregung, welcher blitzschnell überall zündet, den bekannten „offiziellen - Artikel", durch den der Bundestag ^dfe erste öffentliche Notiz von der beginnenden deutschen Bewegung nahm. Dieses ziemlich nichtssagende Aktenstück hat, eben weil es nichts sagte, anderwärts wenig Aergerniß gegeben. In Wiesbaden dagegen, wo es in einem Augenblicke eintraf, da man sich noch des Schlimmsten von Bundesmaßregeln versehen konnte, entfachte der Artikel einen großen Sturm des Unwillens. Er machte den Leuten den Begriff eines „deutschen Parlaments" erst recht einleuchtend, und wirkte sofort, daß man von dem früheren Gedanken einer Volksvertretung neben dem Bundestage nichts wissen wollte, sondern lieber schlechtweg von einer Volksvertretung ohne allen Bundestag.
Dagegen brachte der Tag auch eine freudige, er- muthigende Kunde: der König von Würtemberg hatte in alle Forderungen seines Volkes eingewilligt..
Der 3. März war ein Rüst-Tag gewesen, ein Tag der Vorbereitung und Erwartung. Die peinliche Span-
