Einzelbild herunterladen
 
  

ungesäumt Urlaub nach Deutschland zu erbitten. „Sie wissen," lautete seine Antwort, „wie sehr unser Regiment vor dem Feinde gelitten hat, und dadurch geschwächt ist; jetzt hat man es bestimmt, einen Theil der Garnison einer Grenzfestung auszumachen, und ich darf, so gern ich Ihnen auch gefällig seyn möchte, den gewünschten Urlaub nicht ertheilen." Da fühte ich, was es heißt, gebunden seyn; bat ich auch jetzt gleich um meinen Abschied, so dauerte cs doch noch lange Zeit, ehe ich ihn erhielt, und bis dahin mußte ich in Ungewißheit seyn über das Schick­sal des theuersten Wesens, das für mich lebte. Und sie, gewiß dem Grame, dem nagendsten Schmerz zur Beute, erwartete täglich, stündlich den Bruder, von dem sie Trost, Hilfe, Rath fordern durfte. Mußte sie mich nicht für wortbrüchig, für pflichtvergessen halten? und mich fesselte der heiligste Eid an meine Fahne; ehrlos ist, wer sie eigenmächtig verläßt.— Dem, besonderen Wohlwollen mei­nes würdigen Obersten nur verdankte ich es, daß ich schon nach einem halben Jahre meinen Abschied in den schmei­chelhaftesten Ausdrücken, mit dem Versprechen baldiger Anstellung im Zivildienste, erhielt; ich eilte, Louisen in Berlin aufzusuchen — ich fand sie nicht. Der Gerichts­rath, an den sie mich gewiesen, war vor zwei Monaten gestorben; aus seinen Papieren ergab sich nichts über Louise; alle anderen Nachforschungen, die ich anstellte, ihren Aufenthalt zu finden, waren vergebens — ich hatte meine Schwester verloren. — (Schluß folgt.)

Die Wiederkunft des deutschen Kaisers.

Adler Friederich des Großen, Wie die Sonne decke du Die Verwaisten, Heimathlosen Mit der goldnen Schwinge zu!

Paul Pfizer, 1832.

Einst war das deutsche Volk das mächtigste auf der Erde, und wie ein Riese erhob sich der deutsche Kaiser über die Völker. Aber die Herrlichkeit verschwand und der letzte große deutsche Kaiser aus jener gewaltigen Zeit war Friedrich der Rotbart. Er starb auf einem Kreuz­zuge gegen die Ungläubigen, lebte aber fort in dem Glau­ben und in den Hoffnungen des Volkes. In der Tiefe eines Berges in der goldenen Aue sitzt er an einem steinernen Tische und schlummert. Sein Bart ist durch den Tisch und dreimal um denselbenherumgewachsen, aber einst wird der Kaiser aufwachen und das Reich wieder herstellen.

Was bedeutet diese Sage? daß das deutsche Volk einst wieder so groß und mächtig werden wird, wie ehe­

mals , und daß es dies nur werden kann durch einen Kaiser. Nur ein Kaiser kann uns die Einheit nach innen bewahren; seine Macht und Ansehen muß wie ein schweres Gewicht auf die unendlich mannigfaltigen Sonderinte­ressen der 45 Millionen Deutschen fallen und sie nieder­drücken, wenn sie in Selbstsucht und Eigennutz sich erhe­ben. Nur ein Kaiser kann ein so gewaltiges Volk wie das deutsche nach außen kräftig vertreten; wie ein Blitz muß er das Verderben auf die Völker schleudern können, die es wagen, der Ehre, dem Rechte und der Macht des deutschen Volkes nur im geringsten nahe zu treten.

Aber alles das kann nur ein unverantwortlicher Erb­kaiser; nur ein Erbkaiser steht erhaben über den Parteien, sein unverantwortliches Haupt ragt empor wie eines Felsens unberührte Spitze über das wogenthürmende Meer, und die Reihe der Erbkaiser bildet eine feste Mauer, die sich fortbaut von Jahrhundert zu Jahrhun­dert, keine Ocffnung lassend für den plötzlich hereinbre­chenden Sturm.

Und ein volksthümlicher Kaiser, ein Volkskaiser muß es seyn, in dessen Macht nur der Wille des deutschen Volkes zur Vollendung und Verherrlichung gelangt. Da­für bürgt uns der Kreis der verantwortlichen Räthe, wel­cher den Herrscher umgeben, und der Reichstag, der ihm gegenüber stehen wird.

Doch hören wir die Sage weiter. Niemand sieht den Weg, der zu dem alten Herrn führt, aber wenn Einer die rechte Blume findet und auf den Hut steckt, dann sind ihm die Augen geöffnet, und er sieht den Eingang zu dem Kaiser, wird von der schönen Kaiserstochter mit köstlichem Weine erquickt und kommt reich beschenkt wie­der heraus.

Das bedeutet: daß wir zu unserm Glücke, von dem die Sage ahnungsvoll spricht, nicht durch Rohheit und Gewalt und plötzlich kommen können, sondern nur durch Vernunft und Weisheit und durch den Geist der Liebe und Treue. Das sind die Blumen, welche unser deut­sches Volk suchen soll. Und wenn es sie gefunden hat und öffentlich bewährt, dann werden ihm die Augen auf­gehen und cs wird den rechten Weg zu seinem Heile erkennen. Und dann wird auch der Wohlstand blühen, ja zum Reichthum wird sich unser Volk erheben. Aber nicht durch blinde Nachäffung thörichter Versuche des französischen Volkes, sondern durch weise Maßregeln, die wie alles Gute nur allmählig ihre segensreichen Wir­kungen äußern können.

Der Letzte, so endigt sich die Sage, der den Kaiser sah, war ein stiller Schäfer um's Jahr 1740. Hu die­sem sagte der Kaiser: „Nun muß ich noch hundert Jahre warten."