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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgenu Zeitung

1849. — .1" 61.

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Die S ch w e st e r.

(Fortsetzung.)

Ich war nun schon zwei Monate in Kassel, noch mmer unschlüssig, was ich thun sollte; der Staatsrath atte mich oft aufgefordert, mich zum Eramen zu mel- en. Habe ich das bestanden, versicherte er mir, dann ey mir die vortheilhafteste Anstellung gewiß, und dann, agte ich mir selbst, darfst du um Louisens Hand werben md dein Glück ist gegründet. Dein Glück? wird sie mich ächt verachten? wird sie von dem treue Liebe erwarten ürfen, der um elenden Geldes willen, an des Vater- andes heiliger Sacye zum Verräther wird? Nein, gewiß Dar ich ihrer Liebe, ihrer Achtung, wenn ich vor sie Hin­rete, und sie aufforderte, mein Weib zu werden in einem ande, wo wir freilich nur ärmlich, aber mit ruhigem Gewissen leben könnten, nach dem freien Amerika. Täg- i$ nahm ich mir das vor, ich zweifelte nicht an ihrer iebe zu mir — sie hatte mir so viele Beweise ihrer Theilnahme, ihres Wohlwollens gegeben. Nie, das sagte rir mein innerstes Gefühl, hatte sie sich einem Fremde ) angeschlossen wie mir, und doch, so oft ich mit ihr llein war, so oft sich mir auch die günstigste Gelegen- eit darbot, nie wollte sich das Geständniß der Liebe über reine Lippen wagen.

Eine unangenehme Begebenheit entlockte mir endlich, -as ich auszusprechen noch immer gezögert hatte. Der otaatsrath war mit seiner Gemahlin und Louisen zum 3alle bei einem hohen Beamten geladen, und Louise mrde ausgeschmählt, als sie sich wie gewöhnlich wei- erte, mitzugehen. Die gutgemeinten Vorwürfe der Tante ewogen sie endlich dazu; auch ich war eingeladen, und ing hin, weil ich wußte, daß .Louise kommen werde. )er Anblick des Ballsaals war mir nicht erfreulich; rchende, fröhliche Gesichter, Mienen, die an die ewige

Dauer dieses lustigen Königreichs glaubten, das doch auf so ungeheurem Jammer erbaut war; ach! die leichtfertige, frivole Sitte der Femden hatte hier tiefe, starke Wurzeln geschlagen Und meine Geliebte, das reine, unschuldige Mädchen, war inmitten dieser sündigen Gestalten. Sie gehörte nicht dahin; mit starkem Arm, das gelobte ich mir, wollt' ich sie hinwegführen in ein freies, reineres Land.

„Und warum wollen Sie nicht mit mir tanzen?" fragte ein junger französischer Offizier jetzt eben meine Louise. Sie hatte mir den nächsten Tanz versprochen und mußte es natürlich dem Fremden abschlagen. „Nein, nein, Mademoiselle," erwiederte der Offizier leichthin, „diese Ausflüchte gelten nicht; wir sind die Sieger; wo wir bitten, muß jeder Andere zurücktreten, Niemand soll gegründeteres Recht auf diese schöne Hand haben, als ich." Das sagend, zog er die Widerstrebende mit fort in die Reihen der sich eben zum Tanze Ordnenden. Mein Blut kochte; doch hielt ich mich mühsam zurück. Nachdem der Tanz beendet war, ging ich zu dem Offizier, der mich so schwer beleidigt hatte. Wenige Worte waren hinreichend, uns zu verständigen.

Es dämmerte, als ich mich auf meinem Lager wieder­fand; neben meinem Bette saß Louise. „Verdammen Sie mich nicht," sprach sie sanft, „Ihr Sekundant hat Sie, Gefahr für seine eigene Sicherheit fürchtend, gleich nach Ihrer Verwundung verlassen; Sie haben Niemand, der in der fremden Stadt sich Ihrer annehmen wird, und so glaubte ich, die Sorge um Ihre Genesung übernehmen zu müssen."

„Louise, wie danke ich Ihnen?"

„Reden Sie nicht; Ihre Wunde ist zwar nicht be­deutend, nur ein Streifschuß am Haupte hat sie verletzt; aber Sie sind durch den Blutverlust sehr geschwächt, und das Reden würde Sie zu stark angreifen."