Verwandten, mich um eine Anstellung im Staatsdienste bewerben. Die preußische Provinz, in der ich geboren, war dem Königreiche Westphalen einverleibt worden, und ich sollte mit vielen gewichtigen Empfehlungen versehen, nach der Residenz deS neuen Königreiches reisen, um mich den einflußreichsten Männern vorzustellen. Die Ansichten und Wünsche meiner Verwandten stimmten jedoch mit den meinigen nicht überein ; in jener Zeit, bei deren Andenken jeder Deutsche erröthen muß, hatten Freiheit der Gesinnung, Vaterlandsliebe, muthige Hoffnungen, fast nur auf den Universitäten ein verborgenes Asyl gefun, den; wie nur gute Kinder eine Mutter lieben können, hätte auch die Welt sie mit Schmach überhäuft , so hingen wir an dem freien, deutschen Vaterlande, das den begeisterten Jüngling als Ideal vorschwebte, in den Tagen, wo Deutschand, Vaterland, zum Gespötte der Thoren geworden war.
Und Liebe zu einem Vaterlande, wie wir es uns ost in begeisterten Gesprächen gemahlt hatten im Herzen, vom bittersten Hasse gegen die widerrechtliche, drückende Fremdherrschaft erfüllt, sollte ich dem Könige Treue schwören, den uns der französische Kaiser aufgezwungen hatte. In der übelsten Laune von der Welt kam ich in Kassel an; das bunte Gewühl auf den schönen, freien Plätzen, die glänzenden Equipagen, die die Straßen durcheilten, der Anblick der Pracht des Hofes, — Alles, was ich sah und hörte, wirkte nur unangenehm auf mich ein. Dieser Glanz, sagte ich mir, diese Hoffeste, all' dieser eitle Prunk, die letzten Kräfte eines Jahre lang ausgesogenen Landes verzehren sie; Männer, die die öffentliche Verachtung verdienen, sind es vielleicht, denen du den Hof machen, um deren Gunst du buhlen mußt, damit es dir vergönnt sey, nur unterzukriechen, an den Träumen deiner Jugend, an deiner besseren Ueberzeugung zum Verräther zu werden. Und ein Tag nach dem andern verging, ohne daß ich meine Empfehlungsbriefe abgab; ich lebte sehr eingezogen, nahm an Nichts Theil; nur im Theater, das ich oft besuchte, vergaß ich auf Stunden den Mißmuth, der mich drückte.
Der Zufall fügte es, daß eines Abends dicht neben mir im Sperrsitze ein junges Mädchen saß, dessen Aeußeres mich lebhaft interessirte; ich konnte nicht müde werden, die Züge meiner Holden Nachbarin zu betrachten, den Blick auf ihrer schlanken, jugendlichen Gestalt ruhen zu lassen. Und auch sie schien mich zu betrachten; verstohlen forschte ihr schönes, dunkelblaues Auge nach mir, wenn sie meine Aufmerksamkeit auf das bunte Gaukelspiel des Ballets gerichtet glaubte. Ein solch' stiller Verkehr unserer Augen hätte mich nun wohl.berechtigen kön
nen, mit meiner Nachbarin ein Gespräch in Worten anzuknüpfen ; aber ich litt damals noch an einem Uebel, das nur die Zeit zu heilen vermocht hat — an einer unglücklichen Schüchternheit, Damen gegenüber. Zehnmal entschloß ich mich, sie anzureden, aber immer wieder verließ mich der Muth im Augenblicke, wo ich reden wollte.
(Fortsetzung folgt.)
Miszellen.
Rom, 24. Febr. Die Inquisition wäre auch also hier richtig aufgehoben. Die wenigen Dominicaner, welche für die schläfrige, durchaus unselbstständige Verwaltung derselben jährlich 12,000 Scudi bezogen, sind nach dem Kloster S. Maria Sopra Minerva transportirt worden, ohne daß man ihnen auch nur Zeit gelassen hat, ihre eigene Baarschaft an sich zu nehmen. Zum Staatseigenthum ist auch die vaticanischc'Bibliothek erklärt worden, und sie soll der Wissenschaft und ihren Dienern nutzbar und zugänglich gemacht werden. In diesem einen Punkt muß man bedauern, daß der gegenwärtige Zustand der Dinge so wenig Aussicht aus Fortdauer darbietet. Die Verwaltung dieses Instituts, dem die Alliirten im Jahr 1815 seine wichtigsten Schätze zurückerstattet haben, offenbar um der Wissenschaft dadurch einen Dienst zu erweisen, nicht um sie aufs neue unter dem Staube mönchischer Gesinnung begraben zu lassen, gehört zu den Himmelschreiendsten, wenn man bedenkt, daß systematisch alles geschehen ist um die Benutzung dieser Schätze zu erschweren, und daß größere Freiheit nur abusiv durch die Connivenz des freundlichen Vorstands hat erlangt werden können. Jetzt soll alles liberal eröffnet werden. Die Zahl der Arbeitstage betrug kaum ein Drittheil des Jahres, und drei knappe Stunden lohnten häufig kaum den weiten Weg hin und zurück. Hoffentlich wird dort auch von den manchen guten Anordnungen die getroffen worden find, um uralte Mißbräuche zu zerstören, einiges erhalten bleiben. Der Papst hat den Gesandten Befehl ertheilt, ihre und seine Wappen von ihren Wohnungen abzunehmen, wodurch nicht bloß diefe, sondern auch alle Landsleute schutzlos werden.
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Aus einer wiener lithographirten Correspondenz ersehen wir, daß einer provisorischen Verordnung zufolge jedem Mädchen die Heiraths-Bewilligung verweigert werden soll, wenn dasselbe nicht lesen und schreiben kann. Wenn das wirklich wahr ist, so möchte der Zahl der alten Zungfern in Oesterreich ein beträchtlicher Zuwachs bevorstchen.
Verantwortlicher Redakteur: W. H. Riehl.
Theater zu Wiesbaden.
Samstag den 10. März. Vthello , große Oper in 3 Akten. Musik von R o ssi n i.
Druck und Verlag der L. Schellcnberg'schen Hof-Buchhandlung in Wiesbaden.
