Der Wanderer.
BclletristischrS Briblatt zur Nassauischen Allgcm. Zeitung.
1849. — .1" 55.
Cabrera»
(Fortsetzung.)
Der Anfang des Jahres 1837 verfloß für die Karisten in Arragon und Valencia, einige kleine Scharmützel tuggenommen, äußerst ruhig; kein Ereigniß von Bedeu- ung vermehrte den Kriegsruhm Cabrera's, bis die An- unst des Erpeditionsheeres des Don Carlos neue Lor- >eeren in seinen Kranz flocht.
Unter den verschiedenen Gegenständen, welche den Solbaten im aktiven Dienst für schlechte Quartiere und nappe Rationen trösten, ist vielleicht einer der ange- rehmsten eine kleine Plünderung, wenn sie sich, ohne zu ehr gegen die Regeln der Disziplin zu verstoßen, bewerk- telligen läßt. So kann die Plünderung einer Stadt als 'Äquivalent für einen oder zwei Monate halbe Rationen inb regnichter oder kalter Bivouaks gelten; einige zwan- ig im Gurte eines gefallenen Feindes gefundenen Goldtücke tragen dazu bei, die unangenehme Erinnerung an ine längere Trennung von guten ermunternden Geträn- en auszulöschen, während einige Tage Quartier in dem Hause eines behäbigen Pachters, der einen wohlversehe, !.en Keller und ein paar hübsche Töchter besitzt, als eine unbillige Abfindung für die Strapazen eines forcir- en Marsches und oft wiederholter Piketdienste betrachtet oerden können.
Wenige Truppen jedoch haben sich vielleicht weniger ieses Entschädigungsmittels bedient, als das Erpedi- onsheer des Don Carlos im Frühjahre 1837. Physisch ntkrâftet und moralisch entmuthigt, langte dieses Heer Mde Juli in der Nähe von Tortosa am Ufer des Ebro n. Von einer doppelten feindlichen Uebermacht auf den 'ersen verfolgt, würde es in dem Abbas-Gebirge seinen lntergang gefunden haben, wäre Cabrera, der Helfer nd Retter in der Noth, nicht zur rechten Zeit auf dem
Kampfplatze erschienen, um so den Uebergang der Armee über den Ebro möglich zu machen.
Borso di Corminati, der Anführer der christinisch- portugiesischen Hülfslegion, war am 30. Juli in der Frühe auf vier großen Schiffen von Tortosa aus den Ebro aufwärts gefahren, um dem karlistischen Erpediti- onsheer vom Wasser aus jeden Uebergang über den Fluß unmöglich zu machen. Cabrera hatte hiervon frühzeitig Kunde erhalten und gab einem gewissen Serrador, Chef eines valenziamsch-kaUistischen Freikorps, den Auftrag, das weitere Vordringen der erwähnten Schiffe zu hindern, während er selbst mit der größeren Hälfte feiner regulären Truppen bei Lerta stehen blieb, um nicht nur seinen dort aufgehäuften Mundvorrath zu beschützen, sondern auch den Uebergang des Erpeditionsheeres vermittels einiger kleinen Nachen zu begünstigen. Wie Serrador den Auftrag Cabrera's vollzog, verdient eine detail- lirte Schilderung:
Unweit der Einsiedelei San Bernabe, Halbwegs von Tortosa nach Lerta, auf einem den Ebro überschauenden Felsen, saß an einem sonnenhellen Vormittage ein Mann, der unverwandt den Blick über den Fluß bis nach Tor- tosa streifen ließ. Seine Kleidung war die des größten Theils der spanischen Bummler auf dem Lande. Ein breiträndiger Filzhut überschattete ein Gesicht, welches, obgleich breit und gemeinen Ausdrucks, dennoch eine ge, wisse Regelmäßigkeit hatte und Kühnheit und Entschlossenheit aussprach. Ein dichter, schwarzer Schnurrbart bedeckte den Mund und stieß mit einem buschigen Backen- und einem vollen Kinnbart von derselben glänzend schwarzen Farbe zusammen. Die Jacke aus Schafsfell, „Za- marra" genannt, welche lose um den Mann hing, zeigte seine herkulischen Gliedmaßen und Schultern, welche, obgleich er selbst nicht über Mittelgröße war, für einen Riesen gepaßt hätten. Seine Hände waren groß, knochig,
