Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgcm. Zeitung.

1849. â 47.

Jerome Paturot auf dem Wege zur Aufsuchung der besten Republik.

(Fortsetzung.)

Um indeß richtig zu urtheilen, will sie sehen; dazu ist sie ein Weib, also auch neugierig. Sie wird auf ihren Wanderungen durch Paris bald von Oskar, dem Freunde ihres Mannes , bald von dem legiern selbst begleitet. Heute ist es Paturot, der sie in eine Sitzung des Frauen- klubbs führt; er erzählt folgendermaßen:

Malvina im Frauenklubb.

Seit einigen Tagen hatte sich Malvina's eine fire Idee bemächtigt. Sie hatte gehört, daß sich ein Frauen­klubb gebildet habe, und wollte durchaus einer Sitzung desselben beiwohnen. Ich widersetzte mich anfangs dieser Fantasie, doch gab ich endlich nach, wie gewöhnlich.

Diese bürgerliche Komödie spielte auf den Boule­vards in einem für die Sitzung gemietheten Saale. Nach einem schnell gehaltenen Diner begaben wir uns dahin. Die Zugänge waren mit Leuten besetzt, man gelangte nicht ohne Mühe dahin. Eine doppelte Reihe von Neu« gierigen hatte sich gebildet, durch die man hindurch schrei­ten mußte. Nachdem wir eine Treppe hinaufgestiegen waren, traten wir in den Saal. Er war nackt, nur hier und da einige Stühle; in der Tiefe eine Estrade, auf der ein Bureau stand. Ueberhaupt herrschte in den Klubbsälen kein Lurus, und dieser machte keine Ausnahme. Es gelang Malvina, einen Sitz zu erhalten, ich lehnte mich an die Wand, um, falls etwas vorfallen sollte, gleich bereit zu seyn.

Der Saal füllte sich allmählig. Die Frauen langten alle mit ihren Ehrenwächtern an. Die Sünderinnen gruppirten sich bei Seite und schienen weniger eifersüchtig sich zu unterrichten als sich zu paaren. So lange die Sitzung dauerte, richtete die Präsidentin daher auch em­

pört ihre Brille aus diese gefallene Schaar. In Ermang­lung von etwas besserm protestirte sie durch Blick und Geberde. Ich muß sagen, daß sich die blühenden und hübschen Gesichter viel eher auf dieser Seite befan­den. Man traf daselbst zum mindesten das anmuthige Lächeln und die reinen Zähne der Jugend. Aus den an­dern Punkten waren die Matronen reichlich vorhanden und bildeten dem Gemälde wenig günstige Schatten. Die Toiletten erreichten keine große Höhe; viele Arbeitskörbe und zu viele von den Haubenstöcken des Tempels her­rührende Hüte. Was die Physiognomien anlangt, so konnte man sie mit wenig Worten charakterisiren: mit farbigen Gläsern versehene Augen und Nasen, welche seit undenklichen Zeiten für die Erzeugnisse der königlichen Tabaksfabrik gewonnen waren. Gütiger Gott, wer hätte denn ohne die Sünderinnen sich solchen Gefahren auszu- [e^n gewagt? Und wäre es auch nur in dem Interesse der Einnahme, die Präsidentin hätte wegen dieser minder erzürnte Mienen annehmen sollen.

Ich habe die Präsidentin genannt; es ist Zeit, von ihr zu sprechen. Ihre Brille war des Respekts würdig; das ist Alles, was man von ihr sagen konnte. Durch den Zustand ihrer Formen entzog sie sich jeder andern Würdigung. Das Alter und vielleicht das Unglück hat­ten ihr die äußern Charaktere ihres Geschlechts geraubt. Freilich ließ sie an ihrer Seite eine Vizepräsidentin sitzen, die mit einer ungeheuern Wohlbeleibtheit begabt war. Dieser Kontrast machte jedoch nichts wieder gut. Das Auge bildet keine Mittelstraße; es überträgt nicht das Uebermaß nach der Seite des Mangels, um das Gesetz des Gleichgewichts herzustellen , das die Welten regiert. Es sieht hier zu wenig, dort zu viel, und verdammt un­wiederbringlich dieses bedauernöwerthe Uebermaß. Diese Bestimmung herrschte in der zum großen Theile aus Kennern bestehenden Versammlung. Die Kritik drückte