Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgcm.
1849. — .1" 46.
A Jerome Paturot auf dem Wege zur Aufsuchung der besten Republik.
Von Louis Reybaud.
(Als Fragment mitgetheilt von August Marckhoff).
Unter dem Titel „Jerome Paturot auf der Jagd nach einer sozialen Stellung" veröffent- lichte Louis Reybaud vor sieben Jahren ein Buch, das den größten Erfolg hatte. Sein Held war einer von jenen jungen Leuten, die nach ihrer Meinung verkannt und mißverstanden, sich berufen glauben, eine hohe gesellschaftliche Stellung einzunehmen. Da Jerome es seiner für unwürdig erachtete, Mützenhändler zu werden, wozu ihn seine Eltern bestimmt hatten, so verließ er den Ladentisch, um sich den Musen zu widmen. Feuriger Verehrer der romantischen Schule, trachtete er darnach, in die Reihe der langhaarigen Dichter ausgenommen zu werden, die damals ihrem Meister Viktor Hugo den Hof machten und sich für große Geister hielten, weil sie Racine mißhandelten.
Paturot warf sich kühnen Muthes in die Laufbahn, mit einem kleinen, auf eigene Kosten herausgegebenen Werke, das dem Gebäude seines Glückes und Ruhmes zur Basis dienen sollte; aber ach! das Publikum fand wenig Geschmack an dem Talent des jungen Adepten; Der arme Jerome fiel ganz zerschmettert aus dem Himmel seiner Träume in eine Dachstube herab., wo er noch glücklich war, eine artige Grisette zu finden, die ihm eine Wunden verband und über sein Unglück tröstete.
Neben Don Quirote, der Personifizirung der größten Tollheit, hat Cervantes den Sancho Pansa hinge- tellt, den lebenden Ausdruck des gesunden Sinnes und )er Vernunft. Die Grisette Malvina, zwar ein leicht- inniges und nur dem Vergnügen und der Freude lebendes Geschöpf, jedoch geistreich, gut, ergeben und vor
Allem mit einem unbezahlbaren gesunden Sinne begabt, wird für Paturot, was Sancho für Don Quirote ist. Sie willigt ein, ihn auf seinen abenteuerlichen Wegen zur Erlangung einer sozialen Stellung zu begleiten, die für ihn eben so schwierig zu finden ist, als für die neuern Seefahrer die nordwestliche Durchfahrt gewesen. Doch weiß sie stets das Fahrzeug so zu lenken, daß sie sich jederzeit einen Zufluchtshafen sichert.
Nachdem nun Paturot Alles und noch viel mehr dazu versucht hat, faßt er endlich den Gedanken, durch Selbstmord zu enden, wobei er behauptet, daß dieß einen Mann aus ihm mache; Malvina jedoch, die scheinbar einwilligt, ihn auf seiner Reise nach dem Jenseits zu begleiten, trägt Sorge, einen guten Onkel in« terveniren zu lassen, der seinen Neffen von der Schwelle des Grabes zu seinem Ladentisch zurückführt, den er niemals hätte verlassen sollen.
Herr und Frau Paturot (denn Malvina wird seine Frau) können sich indeß mit dem bescheidenen Glücke, das der Himmel ihnen beschieden, nicht zufrieden geben. Jerome hat von den Epauletten eines Offiziers der Nationalgarde und von einem Siege in der Deputirtcn- kammer geträumt; seine Frau wünscht in die große Welt hinaus. Um dies so sehr gewünschte Ziel zu erreichen verzichtet man auf den kleinen Handel, stürzt sich in Spekulationen, die anfangs glücklich bald jedoch zum Nachtheile ausschlagen; der Ruin erfolgt und das Er- Mitglied schätzt sich noch glücklich, ein bescheidenes Amt in einer kleinen Provinzialstadt zu erhalten.
Herr LouiS Neybaud, der fantastische Biograph Pa- turot's, ist wirklich ein mitleidsloser Mann: er wollte den armen von seinen Hoffnungen .Enttäuschten nicht ruhig sterben lassen. Unter dem Donner der Kanonen des Februars 1848 ergriff der Schriftsteller nochmals die Feder, und indem er seinen Helden eine unverdiente
