Der Wanderer.
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BkllctnstischkS Beiblatt zur Raffauischcn Allgem. Zeitung.
1849. — â 40.
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Luzienne
(Fortsetzung.)
Einige Wochen waren verflossen. In einem abgelegenen Theile der Gebäude von Ernemonl ist ein für zwei Zellen gemeinschaftliches Sprachzimmer. Alle Tage öffnen sich um acht Uhr Morgens die Thüren dieser beiden Zellen zur selben Zeit. Aus der Einen schreitet eine ältliche Frau gebeugter Haltung; es ist die Pächterin, die Mutter des Verurtheilten. Durch die andere Thüre treten Luzienne und Madeleine Aillaud in das Sprech' zimmer. Alle drei sind schwarz gekleidet, bleich, an der Stirn das Zeichen des größten Schmerzes. Luzienne durchschreitet leise den Saal und kniet schweigend' vor der Pächterin hin, die sie anblickt und kalt, jedoch ohne Bitterkeit, zu ihr sagt:
„Beten und arbeiten Sie."
Eines Tages, da sie dies nicht mehr ertragen konnte, steht sie auf, zieht ihre Mutter mit sich in ihre Zelle, die allen beiden gemeinschaftlich ist und sagt zu ihr:
„Ach! ich glaube, daß ich nie auf Erden Vergebung erhalten werde."
„Meine Tochter," antwortete die Wittwe des Poeten, „wenn man sehr krank ist, so sind die Augenblicke, wo der Heiltrank wirkt, gerade die, in denen man sagt: ich werde niemals gesund werden. " Selbst die Furcht, die Dich beunruhigt, ist eine Deiner Strafen. Ertrage sie. Ach! wenn Du Dich das erstemal hättest beherrschen können, so wären die Augen Deiner Mutter nicht ver- urtheilt, sich in Thränen zu schließen. Aber höre. Ich bin Deine Mutter und habe nicht ihre Härte. Sie mögen sagen, was sie wollen. Fürchte nicht, mir zu gestehen: Fühlst Du noch die Kraft, den Muth in Dir, Deinen Gatten zu lieben? ., ."
„Ach! Mutter!..." sagte Luzienne, das Haupt senkend, „Du hast in meinem Herzen gelesen! ... Das ist ein schreckliches Geheimniß .. . ich liebe ihn unsäglich!... Erinnere Dich des Tages, wo er den Vagabunden niederschlug, der mich beleidigte. Was ich an jenem Tage empfand, das fühle ich heute, aber mit welcher Stärke, mit welcher Klarheit, mein Gott! seine Kälte war eine Lüge! Ach, wie er mich liebte, wie er mich verehrte! Ich Unglückliche sehe es ein, da es zu spät ist. Er ist verurtheilt, er leidet... und ich kann ihn nicht in seiner Gefangenschaft unterstützen, wie es die Frauen der niedrigsten Verbrecher können."
„Höre, Lnzienne, man hat den König um Gnade für Deinen Gatten gebeten. Ohne Zweifel hat die Gräfin von Remalard Alles gethan, um sich dem zu widersetzen, und sie ist mächtig, aber die Geistlichkeit ist auch sehr mächtig. Der König ist fromm und gut, und der Abbe Gilbert hat Alles angewandt, um den Sieg über die Gräfin davon zu tragen. Gestern noch war er voll Hoffnung. Luzienne, wenn die Begnadigung Mi- lon's erfolgte und Du selbst ihm seine Begnadigung in sein Gefängniß brächtest..."
„Ach Mutter! Mutter!" rief Luzienne, mit furchtbarer Gewalt ihre Hände ringend.
„Das wäre vielleicht ein Moment, wo Gott ein Wunder geschehen ließ."
„Genug! genug!" sagte Luzienne, eine Hand auf's Herz legend, und sich auf ihren Stuhl lehnend, indem sie vor Hoffnung und Freude zitterte.
In diesem Augenblick ertönte die Stimme der Pächterin in der benachbarten Kammer.
„Luzienne!" rief sie kurz und kalt.
Der Ton dieser Stimme ließ die junge Frau erzittern. Sie sah ihre Mutter an, die schaudernd die Augen niederschlug. Beide traten in das Sprechzimmer.
