Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung
1849. — .1" 39.
Z^Luzienne
(Fortsetzung.)
Man begreift leicht, daß die Familie Milons nicht mehr in der Meierei, die dem Hause Remalarb gehörte, hatte bleiben können. Am Tage nach der Verhaftung waren Luzienne und Madeleine Aillaud von dem Priester in das Asyl von Ernemont gebracht worden. Die Pächterin war noch einige Tage zurückgeblieben, mit Muth und Entschlossenheit die letzten Arrangements treffend. Der Meierhof und die Leute waren an andere Herren übergegangen. Romain allein hatte eine selche Verzweiflung gezeigt, daß der Priester ihn aus Mitleid in seine Dienste nahm. Er hatte ihn mit in seine Pfarrwohnung genommen und zu seinem eigenen Dienste bestimmt, indem er ihn zum Chorknaben machte. In glücklicheren Zeiten würde dies Romain sehr geschmeichelt haben.
Er erhob sich, ohne etwas zu sagen, auf den Ruf seines Herrn und ging nach der Thüre. Das Pferd war schon unter das Thor gebracht und der Abbe saß bereits im Sattel. Romain kletterte auf die Kruppe von Port- Mahon und hielt sich achtungsvoll an dem Pfarrer fest, der im schnellen Trabe davon ritt.
Als sie eine Stunde Weges gemacht hatten und Port-Mahon Schritt ging, um die Anhöhe des Gehölzes von Lavalette zu ersteigen, unterbrach Romain zum erstenmal das Schweigen.
„Herr Pfarrer, was hat denn der große Richter in der Mitte sagen wollen, als er so lange redere und Herr Milon ihm dankte?..."
. „Er sagte, daß man ihn sterben lassen würde."
„Wie so!... Er wird gehangen oder geköpft, wie man in dem Gasthofe sagte?"
„Ja."
Romain machte einen Sprung, ließ das Kleid des Pfarrers los, und wäre beinahe rücklings hinüber gefallen. Er rief:
„Er! Er!... Herr Milon!... Unser Bürger!... Und er hat ihm dafür gedankt!... Großer Gott, ist so etwas möglich!... Ein so rechtlicher vnd so ... ich weiß nicht was... — sehen Sie doch! Man wird cs nicht wagen! Man sagt wohl so etwas, aber man thut es nicht . .."
„Alles ist vorbei!" sagte der Pfarrer, mehr zu sich selbst als zu dem Kinde.
„Glauben Sie, daß mein Schutzpatron das leiden wird?"
„Nur der König kann ihn retten!"
„Das ist wahr. Man sagte es auch in dem Gasthofe. Der König wird ihn begnadigen."
„Milon wird seine Begnadigung nicht annehmen. Wer soll sie auch für ihn erbitten? Und selbst wenn sich Jemand dazu fände, würde man etwas ausrichten? — Diese Remalard's belagern den König. Der König wird keinen Räuber begnadigen können, der einen Edelmann getödtet hat."
„Den ewigen Juden! den nennen Sie einen Edelmann ? Ich nenne ihn einen Lügner! Der König wird nicht können? Was ist denn ein König? Ich würde zu ihm gehen und ihm sagen: „Sire, untersuchen Sie einmal ein wenig die Garderobe Herrn Milons, und Sie werden dann sehen, ob er ein rothes Kleid hat! Und dazu mit goldenen Schnüren, auf der Schulter, und vor allem mit gepudertem Haupte, einem weißen Kopfe wie der des Herrn Pfarrers... Es hat Herr Milon so kein Mehl in den Haaren. Ich habe Alles das gesehen, in dem kleinen Garten! Ja, wohl habe ich unsern Herrn erkannt, der wie ein Klotz an der Seite des Fensters stand, und nach einer halben Stunde davon eilte, und
