Saal und stellten sich um die drei Frauen, die noch immer unbeweglich wie ägyptische Mumien da^aßen.
Plötzlich ließ sich draußen Geräusch hören, Waffengeklirr ertönte, und vier Männer der Justiz in schwarzer Kleidung, der Amtmann, der Jnstruktionsrichter und ihre Schreiber traten ein, begleitet von Soldaten der Ma- rechaussee.
Bei ihrem Anblicke erhob sich Luzienne, ohne Erstaunen oder Bewegung zu verrathen , da sie im Bewußtseyn ihrer Schuld glaubte, man komme nur ihretwegen, schritt an die Tafel vor, und sprach:
„Da bin ich, ich bin bereit zu reden."
Der Amtmann und der Richter, anfangs erstaunt, wechselten schnell einen Blick des Einverständnisses und sagten dann zugleich:
„Sprechen Sie. Was wissen Sie?"
Luzienne zögerte. Die Stärke und Kühnheit fehlten ihr, dieser Aufforderung nachzukommen.
„Fragen Sie mich, sagte Sie, ich werde antworten. Aber in diesem Augenblicke, wo das Zeugniß dieser verwirrten Frau vielleicht Alles enthüllt hätte, erhob sich eine Stimme in der Menge am Eingang des Saales, welche rief:
„Ihr Gatte verbietet es Ihnen!"
Es war die Pächterin, die zum zweitenmale zurückkehrte, und, sich Platz machend, in den Kreis, der sich um den Tisch gebildet hatte, eindrang.
Bei den Worten: „Ihr Gatte verbietet es Ihnen!" hatte ein Strahl der Freude Luziennen's Gesicht erleuchtet. Sie hatte also noch einen Gatten, noch einen Herrn, der ihr seine Befehle gab? Ihre Augen befragten neugierig die Pächterin, die ihr nur mit einem Blicke verächtlichen Mitleids antwortete.
„Ja, wiederholte sie, er verbietet es Ihnen!"
„Ich werde gehorchen!... Sollte man mir auch das Leben nehmen, nicht ein Wort soll über meine Lippen kommen!"
„Madame, sagte der Richter zu der Pächterin, Sie sind Milons Mutter, und Sie halten die einzige Erklärung zurück, die ihn retten könnte."
„Ihn retten, warum? sagte die Pächterin mit einer Kälte und Entschlossenheit, die selbst dem Richter im- ponirte."
Er unterdrückte schnell sein Erstaunen; er sah ein, daß das ganze Verhör sich auf die Pächterin konzentriren und er einen harten Stand mit ihr haben würde. Er machte dem Feldhüter ein Zeichen, der sogleich einen blutigen Dolch hervorbrachte und ihn auf den Tisch legte.
„Ist Jemand unter Euch, der dies kennt? fragte der Richter alsbald mit starker Stimme."
Die Pächterin war einen Augenblick bestürzt durch diesen Hauptschlag. Sie wollte sprechen, ihren Leuten verbieten, zu antworten, aber zu spät.
(Fortsetzung folgt.)
Das Haus einer weisen Bäuerin.
Von Heinrich Prohle. *)
Schon als ich Morgens aus den Thoren von Salzburg gegangen war, hatte ein Wegweiser, welcher mit der Inschrift: nach Traunstein und Tyrol — von der graden Münchener Straße ab etwas zur Seite wies, meine Sehnsucht nach den schon vor Salzburg verlassenen Alpen auf's Neue rege gemacht. Noch viele Wegweiser mit derselben Inschrift standen an der Chaussee, endlich aber hörten sie auf. Aber immer war mir, als hörte ich aus dem Fichtengebüsche zur Linken so traulich rufen: nach Traunstein und Tyrol! Und nachdem nun den ganzen Tag eine lange Alpenkette in der Ferne neben der Straße, auf der ich wanderte, hergezogen war, da stand es Abends, als die Sonne untergegangen, noch einmal an einer Tafel geschrieben, am Saume eines Tan- nenwäldchens, in dessen trauliches Dunkel ein kleiner, ebener, sandiger Weg, der seiner Breite nach nur für schmale Bauerwägelein berechnet schien, hineinlockte: nach Traunstein und Tyrol! Jetzt widerstand ich nicht länger und nach Verlauf einer halben Stunde führte mich dieser Pfad in ein kleines Walddorf, wo mir der stattlichste Bauernhof als Wirthshaus bezeichnet wurde.
Alles war hier vollkommen bäurisch eingerichtet, doch bemerkteich mit Verwunderung, daß die Bauern in diesem Waldwinkel des Bayerlandes nicht minder vortrefflichen Gerstensaft trinken, als den man aus München, Bamberg und Erlangen nach ganz Deutschland verschickt, und daß die Kellnerin, welche ihnen hier das schäumende Bier kredenzte, eine eben so eigenthümliche Schönheit war rote diejenigen, welche die Maler als Münchener Kellnerinnen so gern auf unsere Kunstausstellungen senden. Die Kellnerin, welche sich mit den Gästen aus dem Orte Du nannte, war in diesem Tannenwald ausgewachsen und bis auf diesen Tag eine vollkommene Bäuerin geb'ieben. Ihre Tracht war die gewöhnliche der Kellnerinnen, in welcher die Eigenthümlichkeiten der bayerischen Frauentracht und besonders das so überaus sinnliche bayerische Mieder noch stärker hervortreten. Mit dem kleinen bäurischüppigen Körperbau kontrastirten auffallend die» seltene Feinheit der Gesichtsfarbe und die schönen Wimpern und
*) Aus einem, demnächst bei C. Gerold erscheinenden Werke: „Aus dem Kaiserstaat".
