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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1849. — .1" 34.

^Luzienne

(Fortsetzung.)

Während die gute Frau so sprach, hatte sie ihre Brille hervorgeholt und aufgesetzt, dann neigte sie sich über die Schulter ihres Kindes, und den Titel ihres Buches lesend, sagte sie:

„Was ist denn das für ein Buch, das Dich in so zute Laune versetzt? Ma... Ma... Manon Lescaut..."

„Ich weiß nicht, ich durchlief es... ich glaube, es st ein Roman."

„Ein Roman! Du liest Romane?"

„Gott, nein, Mutter, sagte Luzienne unruhig. Ich )abe diesen Band auf meinem Tische gefunden, ich nahm hn, ohne zu wissen, was es war."

„Du irrst Dich, mein armes Kind, niemals ist ein olches Buch in unser Haus gekommen. Wer sollte es >enn in Dein Zimmer auf Deinen Tisch gelegt haben?"

„Ach! sagte die Dienerin lachend, ich war es ge- viß nicht!"

Diese einfachen Worte verursachten Luzienne eine mgewöhnliche Unruhe. Sie erröthete, und obgleich sie eicht sagen konnte, daß sie das Buch mit aus der Stadt gebracht habe, kam ihr diese Lüge nicht in den Sinn. Sie blieb bestürzt und wußte nichts zu antworten.

In demselben Moment öffnete sich die Thüre, und vâhrcnd ihre Mutter und die Dienerin sie noch mit Ver- ounderung betrachteten, trat ganz schnell Jemand herein, 'cn wenigstens zu dieser Stunde Niemand erwartete, — ie Pächterin selbst.

Ein Ausruf entfuhr den drei Frauen.

Die Pächterin war bleich wie der Tod, sie sah Nie- nanden an, sie sprach mit Niemand. Sie ergriff einen korb, der an der Mauer hing, eilte dann an einen

Schrank, nahm Weißzeug und leinene Bänder heraus, näherte sich dann dem Tische, und da sie ihn für die Morgenwahlzeit besetzt sah, nahm sie Brod und Wein, legte alles in den Korb und ging sogleich nach der Thüre zurück.

Im Begriff, die Schwelle zu überschreiten, stand sie still, wandte sich gegen die Anwesenden und sah Luzienne an. Sie sagte leise zu ihr:

„Was haben Sie in dieser Nacht gethan?..."

Sie verschwand. — In demselben Augenblicke fuhr der Wagen vor.

„Für Wen ist dieser Wagen?" fragte sie draußen.

„Für Madame Milon," war die Antwort.

„Es gibt hier keine andere Madame Milon als mich. Ihr habt wohl daran gethan; ich bedarf einen Wagen."

Und fast sogleich entfernte sich der Wagen im schar­fen Trott, ohne Zweifel von der Pächterin selber gelenkt, denn der Kutscher trat im selben Moment in den Saal, um Luzienne diesen Vorfall mitzutheilen.

Aber diese war nicht mehr im Stande, etwas zu verstehen.

Sie saß da, wie vom Schlage gerührt. Ihr Gesicht hatte die Weiße, Kälte und Härte des Marmors, ihre schwarzen Augen starrten vor sich hin; ohne Bewegung, fast leblos, konnte Nichts sie aus ihrer Betäubung wecken.

So saß sie lange Zeit; die andern Frauen, von ihrem Anblick ganz erschreckt, wußten nicht, was sie an­fangen sollten, und blieben ebenfalls still.

Unterdessen war der Kutscher, nachdem er, von dem sich darbietenden Schauspiele erschreckt, einige Worte ge­stammelt hatte, schweigend herauögegangen und hatte draußen erzählt, was er gesehen. Nach und nach sam­melten sich die Leute der Meierei an der Saalthüre, ebenso die Leute aus dem Dorfe; allmâhlig drangen sie in den