Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Raffamschc» Allgem. Zeitung.
1849. — â 7.
△ ß u j t c n n c.
(Fortsetzung.)
Aubry hörte plötzlich auf, noch länger taub für die Bemerkungen zu seyn. Nach einer kurzen Pause erwiderte er mit einem Ausdrucke des Erstaunens und Unwillens:
„Man sollte glauben, Herr Milon, daß Sie niemals Jemandem im Wege sind."
„Ich begreife Sie nicht."
„Herr Milon, die Herren des Schlosses von Rema- lard hatten eine Familie von Roumare adoptirt...
Herr, gehen Sie nicht weiter! Der Vater Aillaud war Neffe des Vaters Milon. Michel Aillaud war ein guter Junge, schwach von Körper, aber stark an Geist. Der gütige Gott hatte ihm das Talent des Dichters verliehen. Er sprach von der Blume und dem Grashalme, und man gedachte Gottes. Wenn er vom Großtürken gesprochen hatte, so wäre es das Nämliche gewesen. Er war Dichter. Seine Gattin sagt noch heute, die arme Frau, daß es sie nicht gereut, daß sie bei ihm die Musik des Paradieses vernahm. Warum blieb er nicht da? Sie hatte Vermögen, sie war schön, sanft und zart; sie liebte ihn innig, wie man bei uns liebt. Aber die Schloßbewohner von Remalard verfehlten nicht, ihn an sich zu ziehen und ihm einen Jahrgehalt zu geben. Das geschieht auch bei Euch Andern. Man liebt einen Dichter, wie man einen Papagei von Ile - de - france liebt. Wenigstens wurde er reich, er verließ weder seine Frau, noch sein Feld. Noch einmal: warum blieb er nicht da! Aber die kleinen Herren wollen auf Großes hinaus, und es fand sich einer von diesen, der mit Güte oder Gewalt meinen Aillaud in seinen Wagen packte und ihn an den Hof brachte. Es ist unglaublich, daß man das Recht hat, einen Mann einzufangcn, ihn in einen Käfig zu J
setzen und ihn in Versailles zu zeigen, weil er eine Seele hat! Aber je höher man das Geschöpf hebt, desto neugieriger wird es. Aillaud wollte sich in die Höhe schwingen, und war nicht stark genug. Er hatte Leidenschaften, er vergaß seine Frau, er verzehrte dreimal soviel, als er besaß. Er strengte sein Talent an, was er sang, klang hohl, er fühlte es, doch bewunderte man ihn darum nicht weniger. Alles dies machte ihn hochmüthig und betäubte ihn, und eines schönen Tages brach sein Kopf und Herz auf, wie eine Schotenfrucht in der Junisonne. Er starb an einer Pulsadergeschwulst. Er ließ seine Wittwe ganz ruinirt zurück mit einer Tochter, einem Mädchen von 12 Jahren damals, die jetzt 18 Jahre zählt und ganz das Naturell ihres Vaters hat.
„Und diese Wittwe, diese Tochter wollte man wieder in das Schloß aufnehmen. Es war eine Swuld, eine Rückerstattung, es war also ein Recht. Das Testas ment Michel Aillauds, das bestimmt, seine Tochter solle von der Gräfin angenommen werden, gibt uns ein anderweitiges Recht. Aber habe ich nun nicht Recht, wenn ich sage, daß Sie auf fremden Wegen gehen? Sie, Ihre Mutter und der Abbe Gilbert, drei als unruhig bekannte Köpfe, Sie haben das junge Mädchen in der Meierei von Saint-Jean zurückgehalten; es ist Betrug und Meineid. Wissen Sie auch, daß Beide sehr unklug sind. Gestehen Sie nur, daß Sie gesagt haben: „Man hat den Vater zu Grunde gerichtet, aber die Tochter ist gut aufgehoben. Man mag kommen, sie aus unserer Mitte zu reißen!" — Sie antworten nicht?"
Milon erhob stolz das Haupt, und alle Zurückhaltung bei Seite setzend, rief er:
„Ja, wahrhaftig, Herr, wir wollen ihr das Schicksal ihres Vaters ersparen. Dieses Kind ist ebenso wenig, als sein Vater es war, für ein weltliches Leben geschaffen, und es uns entreißen, um es in ein solches Leben zu
