ten Gestalt. „Sie werden Dir," sprach er, „im kommen« den Jahre die Krone vom Kopfe nehmen, das Zepter und den Reichsapfel aus den Fängen, aber die Fänge, die vordem abgestumpft waren, werden wieder scharf werden und die Schwungfedern, die beschnitten, wieder auswachsen.
Dann folgte der gallische Hahn. Lon diesem sagte er: Sie werdendir bei des Jahres Beginn eine rothe Mütze aufsetzen, die aber wird sich gar bald in einen Soldatenhut verwandeln und ehe das Jahr sinkt, mochte daraus eine Narrenkappe werden oder gar eine Kaiserkrone.
So ging er alle Zeichen der Reihe nach durch und sprach viel von wankenden Kronen und erbleichendem Schimmer, von Blut, Gewaltthat, grauenvollem Durcheinander, von großem Sieg und tiefem Fall.
Endlich wagte es Katharine, ihn zu unterbrechen und sich bemerklich zu machen. „Ihr prophezeit gar böse Zeiten, Vater," sprach sie und trat gegen ihn vor.
Der Alte blickte verwundert auf, als ob er die Anwesenheit seines Kindes nicht begreifen könne, dann aber sagte er, den Hut ein wenig lüftend: „wir müssen uns eines Spruches unserer Vorältern getrosten," und schlug einen alten Kalender auf und las mit erhobener Stimme folgende Verse:
„Die Zeiten sind gar bös. Allein mein Gott ist gut, Drum fasse ich erfreut
Im Kreuze frischen Muth."
Dann ergriff er die Tochter beim Arm, zog sie an sich und fragte, indem er ihr scharf in's Auge blickte: „Warum schauest Du so betrübt?"
Sie sagte: „Ihr habt mir Angst gemacht, Vater, weil Ihr so viel Böses vorausgelesen!"
Er aber redete ihr dazwischen: „Du kannst mich nicht täuschen. Was Dich betrübt, liegt nicht in der Zukunft, es ist gegenwärtig, und es ist nicht das Geschick der Throne und Reiche, sondern Dein eigenes."
„Ihr sehet hin, wo kein anderer hinsehen kann, Vater, ich kann Euch nichts verborgen halten! Seht ich war beim Hanfbrechen, und als wir spät nach vollbrachter Arbeit die Spreu anzündeten und uns um die schöne Flamme lagerten, sprach ich mit meinem Schatz und da sagte er gottlose, leichtfertige Worte — nichts weiter — aber das ward mir schrecklich. Denn seit ich gehört habe, daß er so böse Reden führe, will mir's nimmer in den Sinn, daß er wirklich so lieb und gut sey, wie ich mir ihn zuvor gedacht."
Der Alte erwiederte kein Wort, sondern setzte sich wieder an seine Schiefertafel und fuhr mit den Deutungen fort, gleich als ob er nichts vernommen hatte.
Aber Katharine raffte sich plötzlich auf und fiel in wildem Ungestüm dem Vater um den Hals und rief: „Ihr seyd ein Prophet, Vater; wir Alle wissen, daß Euch da ein Licht brennt, wo uns Andern tiefer. Dunkel ist. Als der Gemeinderechner neulich gesund und frisch über die Straße ging, sprächet Ihr: dem sieht der Tod zu den Augen heraus; morgen kann ihm der Schreiner einen Sarg machen. Wir schüttelten die Köpfe und glaubten's nicht, und der Gemeinderechner, der es gehört, lachte laut auf, aber am andern Tage war er todt und kalt. Vater, Ihr wisset nicht blos, was war und ist, Ihr wisset auch, was seyn wird. So saget mir denn, wie's enden wird mit mir und dem Balzer, saget mir'S, damit ich nicht verloren gehe in solchen Zweifeln wie heute Abend."
Der Alte sprach ohne aufzublicken: „Ich weiß ni^t Alles voraus, und wenn ich auch das wüßte, wornach Du fragest, würde ich Dir's doch nicht sagen; denn nichts frommt dem Menschen weniger, als seine eigene Zukunft zu kennen." (Forts. folgt.)
DieJobanuiskirche bei dtiederlahnftein.
(Schluß.)
Was nun die Krieger eines des wildesten und verheerendsten Kampfes zu retten und erhalten gesucht, hat die Gegenwart schändlich zerfallen lassen. Jene würde man wenigstens mit der Noth entschuldigt haben. Für diese kann man nichts weiteres vorbringen, als Gleichgültigkeit gegen ein Denkmal, das, auf einem der schönsten Punkte der Erde gelegen, als Bauwerk mit zu den ältesten gerechnet werden kann, die es am Rheine gibt, kün st l er i sch und geschichtlich von hoher Bedeutsamkeit ist. Der h. Bernard hat hier gepredigt, die Fürsten auf dem Tage zu Rhense sind hier in die Messe gegangen, und manche schöne Erinnerung haftet an den hehren Mauern.
Nach den architektonisch-historischen Untersuchungen von dem königl. Bau-Inspektor v. Lassaulr in Koblenz würden die beiden Thürme, von denen gegenwärtig nur noch einer vorhanden ist, dem Ende des zwölften oder dem Anfänge des dreizehnten Jahrhunderts angehören. Später werden sie wohl schwerlich erbaut seyn; doch ist offenbar zwischen dem kleineren Thurine, der mehr von schlankeren Verhältnissen errichtet wurde, und dem größeren, massenhafteren eine bedeutende Modifikation des Styles wahrzunehmen. Der kleinere oder vielmehr schmalere scheint um einige Dezennien später errichtet worden zu seyn, als der breitere. In beiden herrscht jedoch der romanische Rundbogen-Styl, ohne irgend einen anderen
