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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassamschm Allgem. Zeitung.

1849. .4" S.

* Der Dorfprophet

(Fortsetzung.)

II.

Wenn der alte Veit Kreglinger über seinen Wap­penbüchern und alten Kalendern saß, seinen Aspekten- und Erwählungstafeln nachgrübelte, heraldische Sinnbil­der aus seine Schiefertafel kritzelte und mit denselben, gleichwie mit algebraischen Zeichen, gegeneinander rech­nete, dann hätte das HauS über ihm zusammenstürzen können, ohne daß er aus seinem tiefen Nachdenken ge­weckt worden wäre. Man erzählte sich, er habe einmal deS Abends bei Licht in einem uralten Nürnberger astro­logischen Kalender studirt und sey dabei mit seinem drei­kantigen Hute, den er nach ächter Bauernart in der Stube niemals abnahm, der Flamme so nahe gekommen, daß die eine Spitze weggebrannt sey, ohne daß es der Alte verspürt habe.

Es ist schwer zu bestimmen, wer eigentlich der Veit Kreglinger ist. Sagt man, es sey ein Ackersmann, so läßt sich füglich dagegen einwenden, daß sein ganzer Grundbesitz ja in weiter nichts besteht, als in dem klei­nen Gärtchen am Haus, in welchem man wenn das Jahr gut ist nichts weiter ziehen kann, als etwas Grünes" zur Suppe. Sagt man, er sey ein Krämer, so darf man wenigstens nicht unbemerkt lassen, daß für das Kramlâdchen, welches er sich in den letzten Jahren angeschafft, durchschnittlich sehr wenig Vorrath eingekauft, noch viel weniger aber ausverkauft wurde. Veit war reich gewesen, alö er ins Dorf einwanderte denn er stammte nicht aus der Gegend aber es währte nicht lange, so begann er mit immer mächtigeren Schritten rückwärts zu gehen. Sein wunderlicher Kopf war nicht beschränkt genug, als daß er es bet einem beschränkten Loose zu etwas Rechtem hätte bringen können. DieStudien", j

I ja die geliebten Studien, hatten ihn zum Bauer wie zum Krämer verdorben, die alten Kalender, die Aspektenta­feln. Es waren Studien, wie sie der Mönch von Czen- jtochau, Meister Philipp Noel Olivarius, Bruder Her­mann von Lehnin, der Seher von Eichstetten getrieben In seiner Einsamkeit wußte Veit nichts von diese» räth- selhaften Männern, wie die Welt nichts von ihm wußte, aber hätte man ihm daS Wirken dieser Propheten ge­schildert, er würde sich mit Jubel als ihnen 'wahlver­wandt bekannt haben, er würde dann auch wohl den dunkeln Gedanken loS geworben sein, der ihn gerade in den Stunden seines besten Forschens zuweilen beschlich, indem er dann plötzlich an seinem eigenen Verstände zu zweifeln begann, und schaudernd sich selbst fragte, ob er nicht wohl gar ein Simpel oder ein Verrückter sey.

Wie er eben sinnend am späten Abend dasitzt in sei­ner ärmlichen Stube! Er bemerkt nicht, daß die Lampe kaum mehr leuchtet, weil sich rings um den Docht die größten Putzer angesetzt haben, denen der Aberglaube so mannigfaltige Deutuug gibt, er sieht nicht, daß die Katze sein stehen gebliebenes Abendbrod Stück für Stück vom Teller zieht und davon trägt, er hat vergessen, daß er heute Mittag erst eine große Summe Geldes ganze zwei Gulden verloren, indem er eine frisch angekaufte Tutte Safran im Laden ergriff, und ihren Inhalt in der Zerstreuung für gelben Sand auf den Boden ausstreute, er gewahrt auch nicht, daß sein einziges Kind, die zwan­zigjährige Katharine, eben vom Hanfbrechen heimgekom­men ist und gar betrübt am Fenster steht und hinaus in die dunkele Nacht blickt denn er schaut in die Zu­kunft der Weltgeschichte. Auf seine Schiefertafel hatte Veit viele Felder ins Geviert eingezeichnet und in jedes derselben ein heraldisches Zeichen gestellt. Und nun be­gann er jedem dieser Zeichen eine Deutung zu geben.

Obenan stand der deutsche Reichsadler in seiner al-