hochgefeierten Nicolaitage, sind neue Truppen hier ein« gerückt, und heute früh eine Anzahl dieser, so wie von den früher hier in Garnison gestandenen, sammt vielen Bagage- und Krankenwagen, westwärts abgezogen. Es läßt sich somit auf eine ernste Gestaltung der Dinge jenseits der Aluta schließen. Ohne positive Nachrichten von dort, für deren Richtigkeit ich einzustehen vermöchte, kann ich Ihnen nur ein Gerücht mittheilen das hier in starkem Umläufe ist. Diesem zufolge soll Omer Pascha mit circa 60,000 M. von Widdin aus über Calafat gegen Crajova vorgerückt sein, die russischen Vorposten zurückgeworfen uud bei Braileschti (ungefähr 2 Stunden außer Crajova) Posto gefaßt haben. Man ist hier der Ansicht, daß der türkische Feldherr schon gestern in dem Besitze der Hauptstadt der kleinen Walachei gewesen sein dürfte. Man erwartet hier stündlich ein Bulle' tin darüber.
AuS Bukarest wird vom 23. berichtet, es sei dort aus Tiflis die Nachricht eingetroffen, der Schab von Persien werde sich persönlich an die Spitze jener 30,000 Mann, meist Reiterei, stellen, die an die nördliche Gränze seines Reiches gegen die Türken ziehen. Die frühere Nachricht, daß die Russen das Fort Ach- metze mit Sturm genommen und in Kbiwa eingerückt sind, wird als verläßlich bestätigt. Die Einwohner des Sandschaks von Schouenghel haben sich den Russen vollständig unterworfen und ihre Waffen gegen die Türken angeboten.
Ein Consularbericht aus der Moldau meldet, daß daselbst ein fühlbarer Mangel an Manufacturen herrsche, vorzüglich solcher Artikel, welche sich zum Ge- brauche der russischen Armee eignen. LuxuSgegenstände, Lederwaaren, Sackubren, Seidentücher und Feldstaschen sind fast um das Doppelte ihres früheren Werthes gestiegen.
Serbische Briefe vom 20. d. melden das seit Men- schengedenken unerhörte Factum, daß das Nicolaus-Fest im ganzen Lande vorübergegangen ist, ohne daß in irgend einer Gemeinde das sonst obligate Gebet für den russischen Kaiser gesprochen worden wäre.
Türkei.
Der Presse wird aus Consta ntinopel, vom 15. Dec., geschrieben, daß sich der Großherr gegen sei- neu Minister des Aeußern bereit erklärt haben soll, die Vermittelung der vier Großmächte anzunehmen, wenn vor allem der Zustand wie vor Begirn des Kriegs wieder herhegestellt würde und Rußland durch die alsbaldige Räumung der Fürstenthümer den Beweis her. stelle, daß es die Integrität deS osmanischen Reichs nicht zu verletzen beabsichtige. Hinsichtlich der Wahl der Stadt, wo die Unterhandlungen zwischen ven Gesandten der vier Mächte und den Bevollmächtigten von Rußland und der Türkei gepflogen werden sollen, habe sich der Großherr für eine Stadt auf österreichischem Boden entschieden. — In dem Palais der fremden Ge- sandten Halte man diese Antwort deS Sultans nicht für das letzte Wort, um so mehr, als Reschid Pascha allen seinen Einfluß zur Herstellung des Friedens aufbiete.
Aus C o n st a n t i n o p e l sind, wie die Ostd. Post berichtet, Depeschen vom 19. eingelaufen, die für die FriedenSvermittlnng günstig lauten sollen.
Der Proceß des Tapitäns Loporte.
Wir bringen nachstehend einen Bericht über die letzt cause eclébrè in Frankreich, der allerdings unter dem Eindruck der Sympathien geschrieben ist, welche' dem Angeklagten allgemein, obgleich mit Unrecht zu Theil wurden, der jedoch der auSsührlickste und — der einzige ist, der uns bis jetzt vorgekommen. Derselbe ist einem belgischen Blatte entnommen.
Diese Angelegenheit hatte ein so ungemeines Aufsehen erregt, daß schon am Tage vor ihrer Verband, lund der ziemlich geräumige Ort Mezières wie bei einem Wallfahrtsfeste von Fremden überschwemmt war. Nachdem jedoch der Saal der Afsisen. wo das Kriegsgericht sich versammelte, nur ungefähr 300 Personen zu fassen vermag, so war der größte Theil der Herbeige- strömten Neugierigen gezwungen, den Gang des Pro cesies außer dem Gerichtssaale zu verfolgen. Die um- ständliche Beschreibung der Räumlichkeiten und äußern Merkzeichen übergehend, lassen wir alsogleich die dramatische Abspinnung M Prozesses folgen.
Um 9% Uhr war der Saal bereits überfüllt. Einige Minuten vor 10 Uhr erschiene» die Vertheidiger des Angeklagten und nahmen die ihnen zukömmliche» Plätze ein. Ihr Eintritt verursachte eine anhaltende Bewegung; alle Blicke waren auf Berryer, den berühmtesten Redner Frankreichs und Vertheidiger des Angeklagten, gerichtet. Keine einzige Lame war zu sehen.
Die Beisitzer des Kriegsgerichts erscheinen; die Sitzung beginnt. Vor dem Bureau sind die Beweisstücke ausgebreitet und niedcrgelegt. Diese sind: Das blutige Hemd und die Kleidungsstücke, welche der Graf von Nenilly am Tage der Katastrophe trug; die Pistolen, deren sich der Capitän Laporte bediente; der Stock des Generals und eine Doppelflinte. — Nach beendigtem Formwesen wurde der Angeklagte von GendS'armen Herbeigeführt. Der Angeklagte, ein junger Mann von gewöhnlicher Taille, mit offenen und intelligenten Ge
sichtSzügen, war in voller Uniform und nahm in der Nähe seiner Vertheidiger Platz.
Präsident. Indem ich auf der Bank der Vertheidiger den größten Redner Frankreichs sehe, so halte ich es für überflüssig, denselben an seine Pflichten zn' erinnern. (Berryer verneigt sich.) Dem Publicum untersage ich jede Aeußerung der Billigung oder des Mißfallens. Capitän Laporte, stehen Sie auf. Wie heißen Sie?
Antwort. Theodor Albert Laporte.
Präs. Ihr Alter?
A n t w. 30 Jahre.
Frage. Ihre Beschäftigung?
A n t w. Capitän im Generalstabe, der vierten Mi- litär-Diviston zugetheilt.
Präs. Setzen Sie sich. Greffier Chopin, lesen Sie die Untersuchungsacten.
Der Greffier beginnt die Lesung der Verbalvernehmung, des Protocolls der Leicheneröffnung, der in Beschlag genommenen Briefe, des ZengenverbörS (daS Verhör der Gräfin Nenilly bietet kein besonderes Interesse) und endlich des Verhörs des Beschuldigten. Zwischen den Briefen befindet sich ein Schreiben deS CapitänS an die Gräfin Ncuilly, geschrieben nach der verhängnißvollen Epoche. Der Capitân beweint darin bitter das Unglück, welches ihn getroffen, erklärt sich bereit, daS Mißgeschick mit seinem eigenen Blute zu sühnen und, endigt mit der dringenden Ditte, die Gräfin möge im Falle seiner Freisprechung seinen Namen annehme».
Die Anklage wollte diesen jBrief als Waffe gegen den Angeklagten gebrauchen und bemühte sich, diesen Schritt als unsittlich und scandalös hervorzuheben, während die Vertheidigung in solchem nur den edlen Zug eines verzweifelten Herzens erblickte, welches Trost spenden will und in diesem Bestreben selbst nach der Unmöglichkeit hascht.
Die Zeugnisse zu Gunsten des Angeklagten sind sehr günstig, mit Ausnahme jenes des Generals Perrot, der ihn (seit der Arretirung) als einen heftigen und undisciplinirten Mann kennen gelernt. Belastungszeugen wurden 23 vernommen, nur ei n Entlastungszeuge. Da erzählt worden war, der Capitän habe einst bei einer Musterung ein widerspänstigeS Pferd im Zorn todt gestochen, so wurde von einem Soldaten bezeugt, das Pferd wäre ihm auf den Leib gekommen und aus cameradschaftlicher Großmuth habe der Capitän das Thier getödlet. Die Conduitelisten schildern den Capitän Laporte als einen sehr ausgezeichneten Offizier von edlem, gutem Character, großer fachlicher und wissenschaftliche: Bildung, jedoch mehr für^das Feldlager als für den Bureaudienst geeignet. ..a®r*’'-
Nach beendigter Vorlesung der bezüglichen Proceß- acten wendete sich der Vorsitzende zu dem Angeklagten: Capitân Laporte, stehen Sie auf. (Es geschieht.) Sie hatten den General Grafen Neuilly mit zwei Kugeln tödtlich getroffen ; sagen Sie, wie dies geschehen ist.
Antw. Seit langer Zeit, mein Oberst, lebte ich auf dem vortrefflichsten Fuße mit dem Grafen Neuilly und seiner Gattin. Dcr Tod einer geliebten Tochter, welcher bald nach dem Tode eines Sohnes erfolgte, hüllte diese Familie in tiefe Trauer und knüpfte nur noch enger jene Beziehungen der Freundschaft, welche ich mit der Gräfin Neuilly unterhalten. Täglich begab sie sich auf den Friedhof zu Chalons, um an dem Grabe ihrer Tochter zu beten und zu weinen und verblieb öfters volle 4 Stunden dort. Am 23. October begegnete ich ihr, als sie eben den Friedhof verließ. Ich bot ihr meinen Arm, den sie auch angenommen. Nachdem ich am folgenden Tage einen Urlaub erwartete , um einigen Jagden beizuwohnen, so meldete ich der Gräfin, daß ich Abends ihr und dem Grafen einen Abschiedsbesuch abstatten werde. Indem ich jedoch erfahren , daß der Gras in Folge von Gerüchten und Scheintrug meinen Beziehungen zu seiner Gattin miß- trauie, so bat ich die Gräfin, mir zu erlauben, daß ich bei'm Weggehen ihr noch im Garten die Hand drücken dürfe. In dem Salon des Grafen waren an jenem Abend mehrere Personen, worunter auch die Damen l'Heureux anwesend. Gegen 10 Uhr nahm ich Abschied und ging in den Garten. Einige Wolken verhüllten nur zuweilen die Mondscheinhelle. Kaum dort ange- langt, erblickte ich den General, der etwas zu suchen schien. Ich versteckte mich hinter ein dichtes Gehölz, und legte mich zu Boden. Der General blieb vor mir stehen und blickte suchend umher. Ich war durch dichte Zweige vor seinem Anblicke geschützt. Der General hatte eine Doppelflinte und ich hörte den Hahn spannen. Ich zitterte nickt für mich, sondern nur für die Gräfin, die jeden Augenblick erscheinen und seinem Zorne aus gesetzt sein konnte. Endlich sah ich den General mir den Rücken kehren; ich benützte die Gelegenheit, machte einen Sprung gegen die Gartenthür und stürzte durch dieselbe hinaus. In diesem Augenblicke fiel ein Schuß, jedoch ohne mich zu treffen. In meiner Wohnung an- gelangt, lud ich zur Vertheidigung meine Pistolen, in- dem ich sicher glaubte, daß der General mit seinen Mordgedanken meinen Schritten folge.
Ich legte mich zur Ruhe nieder, konnte jedoch nicht schlafen. Um halb 2 Uhr brachte mir die Kammer- jungfer der Gräfin ein Billet, in welchem sie mir mit- theilte, daß der Gemahl nach der Gartenscene zurück
gekehrt sei, sie mit einem scharf geschliffenen Degen wenigstens zehnmal bedrohte, daß sie alles auf sich genommen und ihren Gatten vergeblich anflehte, sich mit dem Sarge ihrer Tochter in ein Kloster zurückziehen zu-dürfen. Sie erwähnte ferner noch: Ich fürchte, daß mein Gemahl sie aufsuchen werde; zeigen Sie Ruhe, Adel und Würde; seien Sie sie selbst. Als die Kammerjungfer weggegangen war, schloß ich die Thür, indem ich mir backte , daß, wenn der General kommen sollte, ick einer unangenehmen Scene dadurch entgehen könne, und ich durch den Lärm meiner Stimme die Aufmerksamkeit meines Nachbars, des Commandan- ten Chopinet errege, der nicht verfehlt hätte, herbeizueilen. Gegen 6 Uhr früh brachte mir die Ordonnanz des Generals ein neues Schreiben der Gräfin. Die Ordonnanz entfernte sich und da mein Diener am 22. mit meinen Pferden nach Vitry le francais vorausgegangen, so machte ich selbst Feuer im Kamine. Ich glaubte nicht mehr an das Erscheinen des Generals und ließ die Thür von Innen unverriegelt. Ich stand vor dem Kamine und schickte mich eben an, die Ladung auS den Pistolen zu ziehen und meine Geräthschasten für die Reise in Ordnung zu bringen, als der General in'S Zimmer trat. Er trug einen Stock in der Hand, und indem er sagte: Sie wissen, was mich zu Ihnen führt, hob er diesen gegen mich in die Höhe. (Hier unterdrückte der Angeklagte mit großer Mühe eine heftige Bewegung.) Der Schlag, auf meinen Kopf gezielt, traf durch eine glückliche Bewegung die ich machte, meine Schulter. Geschlagen durch einen Mann , der gestern auf mich geschossen, dies empörte mich; — erbittert, außer mir, griff ich instinctmäßig nach den Pistolen, ick drückte los .... (Bewegung im Publicum).
Präsident. Erholen Sie sich und fahren Sie dann fort. . . .
Der Angeklagte. Ich kann die Zeit zwischen den beiden Schüssen nicht angeben. (Beide Schüsse waren tödtlich Der erste war horizontal, der zweite hatte die Richtung von oben nach unten, scheint auf der Treppe abgefeuert worden zu sein, aber über diesen Punct, der für die Frage von Wichtigkeit war ob nicht die Gränze der Nothwehr überschritten wurde, enthielt sich der Gefangene gleichfalls Auskunft zu geben.) Ich war nicht Herr meiner selbst, ich überlegte nicht. Der Sckußlärm führte den Commandanten Chopinet herbei. Auf seine Frage, was es gebe , antwortete ich, daß der General mich geschlagen und ich geschossen habe! Haben Sie ihn getödtet? Ich weiß es nicht. In diesem Augenblicke erblickte ich eine Kugel zu meinen Füßen, ich hob sie auf und sagte zum Commandanten: Ja, ich muß ihn getroffen haben, oemr hier ist die Kugel.
Präsident. WaS thaten Sie mit dieser Kugel?
Antwort. Ich weiß eS nicht, mein Oberst; ich warf sie in einen Winkel und erinnere mich dessen nicht mehr. (Folgen einige Fragen über die Localität, Stellung u. s. w.) Der Commandant Chopinet rietb mir zu fliehen. Ich kleidete mich an und eilte fschnell zum Oberst l'Heureux, dem ich das Ereigniß mittheilte. Der Oberst sagte mir, daß er hierüber dem General Perrot berichten werde.
Er begab sich zum General und erklärte mir bei seiner Zurückkunft, daß er zu meiner Verhaftung Befehl erhalten habe. Um mich vor aller Demüthigung zu scküßen, begleitete er mich selbst in das Gefängniß zu CbalonS.
Präsident. Nach der AuSsage deS Commandanten Chopinet hätten Sie von einetn Schlag über'S Gesicht gesproch-n?
Der Angeklagte. Ich erwähnte bereits im Verhöre, mein Oberst, daß Chopinet meine Worte nicht klar verdollmetschte.
Präsident. Sagte Ihnen nicht der Oberst l'Heureux, daß Sie ein Mal auf der Stirne haben, worauf Sie erwiderten: Ja, sehen Sie, wie er mich mißhandelte ?
Der Angeklagte. Der Oberst erwähnte in der That Aehnlickes und ich glaubte in der Verwirrung, daß das Mal von einem Stockhiebe herrübre. Später erkannte ich jedoch , daß es nur ein Tintenfleck sei, indem ich mit der Hand, welche von der auSgegofsenen Tinte besckmutzt war, über die Stirne fuhr.
Das Zeugenverhör wurde nun vorgenommen. Dieses umfaßte sämmtliche Details, welche bei einem ähnlichen Processe vorkommen, mit bloßer Ausnahme jener, welche auf die Beziehungen des Kapitäns Laporte zur Gräfin Neuilly einfliegen konnten. Eine komische Episode erweckte bei dieser traurigen Verhandlung einige Heiterkeit. Oberst l'Heureux, ein alter Soldat, der gleichfalls als Zeuge vorgeladen wurde, ärgerte sich, über die gewöhnliche Verfahrungsfrage: WaS thaten Sie vor Ihrem Eintritt in die Armee? und erwiderte unmuthig: Ich diene schon 42 Jahre und erinnere mich nicht mehr, was ich als Kind gethan Wahrscheinlich bin ich manchmal in die Schule gegangen, habe von fremden Kirschbäumen genascht und Butterbrod gegessen.
Die Verhandlung dauerte am ersten Tage bis 6 Uhr Abends. Am zweiten Tage begann daS Sachwaltergeschäft. Mehrere Damen, wahrscheinlich in Folge des discreten Verfahrens über Scandale beruhigt, zeigten sich im Publicum.
Der öffentliche Ankläger übte seine Pflicht und
