0 Vom Taunus., 6. Juni. Den Lesern Ihres geschätzten BlaueS, die nicht in der Nähe deS HofeS, der Kammern und Regierungsbehörden, sondern in den Städtchen und Dörfern auf dem Lande leben, müßte eS sehr erwünscht sein, zuweilen auch Ewaö zu lesen, wie eS hier und da in engeren Lebenölressen auf dem Lande zugeht, namentlich feit dem gewaltigen Ideen - Durchbruch im Jahre 1848 und den „cemrisugasen RealisirungSströmungcn dieser neuen Weliüberwindenden ConstrnctionS-Theorien." — Sie würden sich ein unschätzbares Verdienst um die rechte Verständigung und Vermittelung der streitenden Partheien sammeln, würden Sie und nur die kostbarsten thatsächlichen Versuche öfferiren, welche hier und dort mit dem Rechte einer freien Gemeindeverwaltung gemacht werden. Da geschehen Dinge, die einem griechischen Dichter AristophaneS in allen seinen Comödien nicht in den Sinn kamen. Von den tragischen Fortschritten der EmancipanonSprtncPien sollte die Polizei Notiz nehmen. Sie verursachen dem Leser immer ein unangenehmes Gefühl, besonders wenn man von den Verheerungen der Vibiöo, von den Verwüstungen der Fanliliengrüfte, Felder, Wälder, Weinberge rc. ließt. — In Mittheilung komischer Vorgänge sollte aber eine Zeitung nie sparsam sein.
Nun so vernehmen Sie denn einen Vorfall dieser Art, der in einem schönen Lande mit freier Ge- meindcvcrsassung in der Nähe vons Japan, wo die große norvamerikanische Flotte vielleicht schon Anker geworfen hat, sich kürzlich ereignet hat. — Der dort ganz unabhängig regierende Gemcinderaih fand in den Ausgaben seiner Rechnung, daß ein Krämer für die Maaß Del 18 Batzen sich zahlen ließ. Da diese Ausgaben wegen deS vielen nächtlichen Beleuchtens sehr bedeutend, das Lieferungsgeschäft also einträglich war, so erbot sich ein Mitglied deS RathScollegii, die Maaß zu 16 Batzen zu liefern. Hierauf wurde beschlossen, dem früheren Lieferanten zu kündigen, den neuen in daS Geschäft zu immil- llrren. Beide aber, der alte und neue Lieferant veranstalteten ein Compromiß und kamen überein, sie wollten zusammen den Oelbedarf liefern und zwar um den bisherigen Preis â 18 Batzen per Maaß, waS hierauf allgemein billig und gerecht erfunden und von dem Rathe sehr zweckmäßig erachtet und einstimmig festgesetzt wurde.
In einem Dorfe desselben LandeS nicht todt von Japan befindet sich ein Pfarrer. Frühe schon zur Zeit, da die Missionen von England in alle Welt auSgingen, .wie setzt dessen Schiffe nach Indien segeln, war daS Ländchen christlich geworden. — Kurz — dieser Pfarrer war von einigen Genossen seiner Heerde bei dem Bischöfe deS Landes ter, klagt worden, daß er zu strenge fei in Predigt und Zucht, und nicht mehr für sie paffe; sie wollten einen anderen haben, und der ihnen verhaßte müsse fort. Der Bischof, wohl bedenkend: audiatur et altera pars — sendete die Beschwâdefchrifi an den Vorsitzenden des RathScollegii zum Bericht. Der Vorsitzende versammelte hierauf den Rach, laS die Schrift der Kläger vor und eS wurde nun der Beschluß gefaßt, alsbald am Sonntage nach dem Gottesdienste eine Gemeindeversammlung durch die Schelle zu berufen. Am Samstage AbendS 5 Uhr verkündete sofort der Ausrufer nach einigen langen und starken Schellenschwüngen also: Morgenfrühe nach dem Gottesdienste sollen alle Bürger bei 30 Kreuzer Strafe auf dem Rathhause erscheinen und sollen abstimmen, wer den Pfarrer noch haben will und wer ihn nicht haben will. — Für heute — Sat prata biberunt.
+ ^abamat , 6. Juni. Heute in der Frühstunde bewegte sich ein großartiger und feierlicher Leichenzug durch die Straßen unserer Stadt, um der so allgemein verehrten und so tief betrauerten Frau, Franz Sie bert, die letzte Ehre zu erzeigen. Die Dahingeschiebene verdient aber auch die allgemeine Theilnahme und Belrauerung, denn sie besaß die weiblichen Tugenden, als Gattin, Mutter und Hausfrau in hohem Maße und zeichnete sich außerdem noch auS als ächte Christin und Wohlthäterin der Armen und Kranken. — Möchten ihre Hinter- bli«chenen, ein lief betrübter Gatte und dreizehn, meist noch unmündige, Kinder, in dieser allgemeinen Theilnahme einigen und in der Religion den Trost finden, den Menschen nicht geben können! — Die Asche ruhe in Frieden und ihr Andenken bleibe wach unter unS!! —
Lobend und anerkennend muß hier noch erwähnt werden, daß der hiesige Männergesangverein am Grabe einen vierstimmigen Grabgesang recht brav erccutitte.
Darmstadt, 6. Juni. In der heutigen Sitzung der zweiten Kammer wurde Der von dem Abgeordneten Kraft auS Gießen über den bekannten Müller- MclchioS'schen Antrag in Betreff der Zollangelegenheit erstattete Bericht angezeigt. Während sich in dem vorberalhcnden, auS 7 Mitgliedern bestehenden Ausschuß die Mehrheit entschieden auf Seite deS bisherigen Zollvereins stellte, hat sich die Minderheit, zufällig auS SlaatSdienern bestehend, ven Ideen unserer Regierung geneigt gezeigt.
Darmstadt, 7. Juni. Die Großfürsten Michael und Nikolai haben heute dem großh.^ Hof einen Besuch abgestaltet.
Eisenach, 6. Juni. Die deutsch. evangelische Kirchen - Conferenz hat auch (außer dem schon Erwähnten) die liturgische Frage (gemeinsame Periko- penversammlung, gemeinschaftliche Todlenfcier, gemeinsamer Bußtag und gleichmäßige Administration der Sacramente) besprochen. Hierüber dürfte eS jedoch erst in der morgenden Sitzung zu einem Beschlusse kommen. — Die deutsch-evangelischen Kirchen» egimente , welche nicht bei der Conferenz vertreten , sind nur noch: Bayern, Hamburg, Lübeck, Frankfurt a. M. und Schleswig-Holstein.
Bei der Reichhaltigkeit der Gegenstände, welche auf der Tagesordnung stehen, schätzen selbst die Mitglieder der Versammlung die Dauer ihrer Verhandlung auf mehrere Wochen.
Gleichzeitig sind die Wingolsiten oder Wingol- firner, d. h. deutsche Studenten von strengreligiösen Ansichten, etwa 100 an der Zahl, zu gemeinsamer Besprechung hier zusammengetreten und haben gestern Nachmittag auf dem Hofe der; Wartburg.eine kurze religiöse Feier gehalten.
Halle, 3. Juni. Die hiesige bereits seit 1846 bestehende, von WiSlicenuS gestiftete freie Gemeinde ist durch polizeiliche Anordnung geschloffen worden. Die Polizeibehörde hat nämlich auS den im December confiScirten Schriftstücken die Ueberzeugung gewonnen, daß die freie Gemeinde „ein politischer und staatögesährlicher Verein" sei.
Berlin, 6. Juni. DaS lith. „Corr.-Dureau" sagt unterm Heutigen zur Anmeldung der am folgenden Tage abgegebenen, unter den neuesten Nachrichten gestern mitgetheil'en Erklärung der Regierung: „WaS die Zollconferenzen betrifft, so hat unsere Regierung sich deutlich gemacht, daß ein längeres Zögern Resultate nicht haben würde und daß man den Rücktritt einiger dem Zollverein ange- hörenden Staaten schlimmsten Falls ridfiren müsse, um überhaupt die neue Vereinigung alsdann bald constikuiren zu können. ES herrscht in diesem Punkte nach allen Seiten hin Uebereinstimmung, und drängt diese gerade zu einer Entscheidung, die eine Auflösung deS alten und eine Constiluirung eines neuen Zollvereins zur Folge haben dürste.
Mit der Nothwendigkeit, in Wien die preuß. Interessen nun entschiedener und gewandter vertreten zu sehen, als es wohl bisher erfolgt sein mag, hängt die^Sendung deS BundeStagSgesandten von Biömark-Schönhausen nach Wien zusammen, vorläufig für die Dauer der Badereise deS Grafen Arnim, von welchem übrigens schon mehrfach behauptet worden, daß er selbst sich der Stellung nicht mT^-geWttrfrn ffthTe ,^^ der preußischen und der österreichischen Politik in der Handelsfrage auS einander gehen. Man wird M des Grafen noch als Minister deS Auswärtigen erinnern.
Bremen, 5. Juni. (W. Z.) Gestern ist der kühne Reisende Fr. Gcrstäcker mit dem Bremer Schiffe „Herder", Capt. v. Hagen, nach einer bald vierjährigen Abwesenheit hier eingetroffen.
Wien, 4. Juni. Hr. v. Thinnfeld, der Minister für Landescultur, wird in diesem Sommer mehrere Kronländer im Interesse seines Ressorts in« fpiciren. — Hr. v. Hülsemann hatte bereits eine Audienz bei dem Hrn. Minister deS Aeußern. Man glaubt, daß er mindestens erst nach vollendeter Präsidentenwahl auf feinen Posten zurückkehren dürfte, wenn er eS nicht überhaupt vorziehen sollte, sich für einen andern Posten zu entscheiden. An den inieri- mistischen k. k. Generaiconsul in New Aork sind bereits die betreffenden Instructionen abgegangen.
In den nächsten Tagen werden wir den berühmten Touristen Hrn. Friedrich Gerstäcker in unsern Mauern sehen. Er wird hier einige Zeit über zum Besuch verweilen.
Wien, 5. Juni. Ueber den großen Brand in Sarajewo meldet ein Brief „Von der Unna" vom 30. Mai noch folgendes: „Der Schaden ist unbeschreiblich und wurde noch dadurch erhöht, daß daS Militär eine gränzenlose Zügellosigkeit an 'Den Tag legte, die wahrhaft unerhört ist. Nicht eine einzige Fiuerspritze befindet sich in Sarajewo und die brutalen NizamS lösten sich in förmliche Diebsbanden auf, brachen in Magazine ein, ja sie rissen sogar den Frauenzimmern auf der Gasse die Halstücher und Silbermünzen ab, die sie nach Landessitte um den Hals tragen. Offiziere welche diese Banden von ihren Schandthaten abhalten wollten, wurden sogar von diesen Banditen in Uniform mißhandelt. Europa, die Welt möge eS wissen, wie diese ent« fesselten Unmenschen zu hausen vermögen, die gefräßiger und gieriger verwüsten, als DaS lodernde Feuer! Der rechtliche Gouverneur Veli Pascha fand trotz aller Bemühungen fast gar keinen Gehorsam. Millionen Piaster beträgt der Schaden an Handelsgütern, hunderte von Christenhäusern, zwei Tausend Gewölbe und Magazine sind ein Raub der
Flammen geworden! Elf Stunden wüthete der Kampf, elf Stunden wütheten die entmenschten Ni- zamS, die schützen sollten und statt dessen zu gemei- uen Dieben herabsanken. Jedes Wort ist zu schwach, um solche Gräuel zu markiren, über welche wohl bald offizielle Daten erfließen werden. Der Marktplatz ist ein Haufen von Ruinen, der Bazar deß- gleichen. Bettelnd ziehen Die Christenfamilien umher. Dieß der erste Eindruck, da ist kein Schatten von Uebertreibung; wir werden noch schlimmere Dinge zu hören bekommen."^
Bei der nächsten Versammlung der Abgeordneten deS österreichisch-deutschen PostvereinS wird der Antrag gestellt werden, daS VereinSporto für Briefe in verhältnißmäßiger Weise herabsetzen.
Wie Briefe auS Paris melden, hat Dom Miguel die Zurückstellung seiner, von der provisorischen Regierung cnnfiScirten Güler verlangt.
Ischl, 30. Mai. (C. Bl. a. B.) DaS Hic- siae Salinenamt hat den Auftrag erhalten, einige Fässer Seole nach St. Petersburg zu senden; dieselben sind zum Gebrauch für J. k. H. die Frau Großfürstin Helene bestimmt.
Schweiz.
Freiburg, 6. Juni. Von hier aus hat das Comite von Possieur, die HH. Charles und Don der Weid, untemST^, 2Ji. zwei Zuschriften an den Präsidenten deS grWeä^RatheS und an den BundeSrath erlassen. Im ersten Schreiben nimmt daS Comite einen gar befehIShaberifchen Ton an und drückte feine hohe Verwunderung aus, daß in diesen zehn Tagen seit der Volksversammlung von den Behörden nichts unternommen worden. „Wir glaubten nicht nöthig zu haben, die Wünsche deS Volkes noch einmal vor Die Behörden zu bringen und sie zu Schritten zu veranlassen, welche die Situation deS KantonS erheischt. In dieser Beziehung stellt daS Volk Die Versammlung deS großen Rathes in die erste Linie. Da nichts desto weniger derselbe noch nicht einberufen wurde, so können wir Ihnen nicht verbergen, daß sich unter dem Volke eine gewisse Bewegung kund gibt." Später folgt die Drohung: „Da wir die Dispositionen deS Volkes kennen, so glauben wir Ihnen erklären zu können, daß halbe Maßregel zu keinem Resulle führen würden.
In Tessin will man nachgerade doch einem Komplotte auf der Spur sein, welches Die Ermordung Soldini'S auf dem Gewissen haben soll. Die vsterreichifchen Gcänzbehörtcn, Die sich dabei mit nachbarlichem Eifer thätig zeigen, sollen in Trivano (Lombardei) den muthmaßtichen Mörder in der Person eines BcrnaSconi verhaftet haben. Mehrere Notabilitäten von Chinsso, gegen welche Jndicien deS AnstiftenS vorliegen, sollen sich geflüchtet haben.
Krs«kreL^?.
Paris, 6 Juni. Der Polizei.Minister hat wiederum ein Rundschreiben an die Präfecten erlassen. Der bemerkcnSwcrlhcste Punct in Demselben ist Die Bestimmung, daß nun auch in den Landgemeinden Polizeicommissäre angestellt werden können. Die Präfetten werden namentlich solche Landgemeinden airSwählen, „wo DaS anarchische und feindliche Element geherrscht hat; wo dieSläike der Demoralisation und deS Elendes die Angriffe genen Personen und Eigenthum häufiger macht; wo bedeutende Märkte, wichtige industrielle Cenrral- Puncte mit einer Bevölkerung, welche Der Ueber# wachung bedarf, sich vorfinden". Die Ernennung der Polizeicommissäre in Orten von 6000 und wc, Niger Seelen steht den Präfecten zu, eS sind vorzugsweise pensionirte Offiziere und Unteroffiziere der GenSd'armerie zu berücksichtigen. Wenn übrigens die Polizei in Frankreich eben eine so große Rolle spielt, so ist Niemand Schuld daran, alS daS liebe Publicum selber. In der kleinen Stadt Bayeur z. B. gibt eS 188 diverse Wirths-und Kaffeehäuser, auf 53 Personen ein Wirthshaus, waS naturgemäß auch eine verhältnißmâßige Vermehrung der Polizei zur Folge hat.
Fünfundzwanzig der bedeutendsten hiesigen Sei, denhanblungen haben den Beschluß gefaßt und ihn durch die Zeitungen veröffentlicht, daß sie an Sonn« und Festtagen ihre Läden schließen und nicht mehr verkaufen werden.
Berryer ist von Antwerpen nach den Niederlanden weiter gereist.
Der „UniverS" macht auf eine Koalition der italiänischen Flüchtlinge aufmerksam, welche unter dem angeblichen Protcctorat deS Prinzen Murat eine Unternehmung gegen Neapel beabsichtigen sollen. In Marseiile sei daS Waffendepot und der Sammelplatz für Die Theilnehmer.
Am 2. Juni ist in Colmar der ehemalige Genödarm Heilmann , welcher in dieser Eigenschaft Robcöpierre zum Schaffst begleitet hatte, beerdigt worden.
