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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

^L 131» Donnerstag den 6 Juni 1830.

Die Raff. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Prânume- rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschast Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 3 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 1O fr. - Jnserate werden die dreispaltige Petitzeile oder bereu Raum mit 3 Er. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in beuE. Schellen- terg'schen Hof- Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Das allgemeine nassauische Schulblatt.

Deutschland. Mainz (Schluß des Zeugenverhörs). — Darmstadt (Abreise des Großherzogs nach Kassel). — Als feld (Versammlung zu Gunsten der Union). — Stuttgart (Vertagung der Kammer). — Gotha (Organische Vereinigung der beiden Herzogthümer Koburg und Gotha). — Berlin (Die geheimen Artikel des Malmöer Vertrags. Aeußerung des Prinzen von Preußen, Rüstungen. Bülletin. Das Für- stenkollegium). — Kiel (Ausschreiben einer neuen Wahl). — Breslau (Rückreise des Fürsten von Schwarzenberg).

Frankreich. Paris (Verzögerung der Veröffentlichung des reformirten Wahlgesetzes. Lamartine. Bevollmächtigte nach Frankfurt. Das De- portationsgcsetz).

Das allgemeine nassauische Schulblatt.

— Don der Elb, 2. Juni. Die ersten Nummern des allgemeinen nass. Schulblatts liegen vor, und sie erwecken in dem stattlichen Format, mit Dem stattlichen Titelblatt- ein gün­stiges Vorurtheil.

Gegen die Idee eines Organs für daS nass. Schulwesen läßt sich gewiß nichts cinwenden; daß aber bei deren Verwirk­lichung das Schulkollegium sich an die Spitze stellt, erregt schwer zu beseitigende Bedenken. Nach unserem Dafürhalten verträgt sich die Herausgabe eines derartigen Blattes durchaus nicht mit der Stellung der Oberschulbehörde. Selbst in dem Falle, daß diese volles Vertrauen besäße, was übrigens Nie­mand behaupten wird, ist „die größte Freimüthigkeit ohne irgend welche Rücksicht auf die amtliche Stellung des Schulkollegiums" eine Unmöglichkeit. Oder glauben die Leiter des Unternehmens wirklich, daß die Mitarbeiter alle hier in Betracht kommenden Rücksichten bei Seite zu setzen vermöchten? Trauen sie sich selbst eine so große Fertigkeit in der schweren Kunst des Jgnorirenö zu, um die durch das Schulblatt gewonnene Personalkenntniß auf ihr Ur­theil bei Versetzungen ic. gar nicht einwirken zu lassen? Bei­des wäre eine Verkennung des menschlichen Wesens, wie sie Pädagogen nicht zugetraut werden darf. Es entsteht also von selbst eine Zensur, wenn sie auch nicht in der Absicht ge­legen hat.

Wollte daS Schulkollegium durch sein Blatt die Lehrer besser kennen lernen, so ist das Mittel ein trügerisches ; denn die Schreibenden stehen unter Zensur, und bei den Nichtschrei, bcnden bleibt eS zweifelhaft, ob sie nicht schreiben können oder nicht schreiben wollen.

Gedenkt daS Schulkollegium Ansichten zu oktroyirèn — u"° wir wünschten auch, daß dem nassauischen Lehrerstande Manches ein- und Anderes auSoktroyirt werden möchte — so ist das Mittel wieder nicht das rechte; denn daS Oktroyiren geht eben nur bei Gesetzen und Verfassungen, nicht aber bei ^"lnnngen und Gedanken, und eS ist nicht zu vergessen, daß das Wort selbst von auctorilas (Auklorilät) stammt. Jeden- saUS mußte, zur Sicherung dieses etwaigen Zweckes, noch et­

was Besonderes geschehen, vielleicht vierwöchentliche von den Direktoren, beziehungsweise Schulinspektoren mit ihren Lehrern abzuhaltende Konferenzen, um durch ein kleines Gramen zu erfahren, ob und in wie weit von dem Inhalte des Schulblatts Notiz genommen worden.

Das Schlimmste aber bleibt: das unter Leitung des Her­zoglichen Schulkollegiums herausgegebene Blatt wird demora, lisirend auf den Lehrerstand wirken. Neid, Verkleinerungssucht, Heuchelei, Buhlen um Gunst nach oben rc. werden neue Nah­rung erhalten; die Lehrer werden sich bald in zwei Parteien theilen, in Schreiber und Nichlschreiber, oder hat man daS Letztere in Erinnerung an daS alte: „divide et impera“ etwa gewollt?

Und. wie werden Manche Studiren und Schule hintan­setzen, um nur einen Artikel fertig zu bringen! DaS mag manchen schweren Schweißtropfen kosten; Denn' wir gehen heißen Tagen entgegen; aber geschrieben muß werden; der Kollege N. hat ja auch geschrieben!

Wenn daS Schul-Kollegium wirklich aus den in der ersten Nummer aufgeführten Gründen das Bedürfniß einer nassaui­schen Schulzeitung fühlte, so lag zur Befriedigung desselben der richtige Weg sehr nahe. Das in der Krei d ei''schen Buch, Handlung noch vor Kurzem erscheinende, nunmehr eingegan­gene Schulblatt hätte nur einer geringen Unterstützung bedurft, um sich zu halten und etwas zu werden. Wurde ein neues beliebt, so genügte die bloße Andeutung, daß man oben die Gründung eines derartigen Blattes gern sehen und auf die geeignet scheinende Weise fördern werde. In voller Freiheit würden sich bald Redaktion, Verleger, Mitarbeiter und Abnch, mer gefunden haben. Indem die Oberschulbehörde selbst an Die Spitze tritt, kann sie dem Scheine von Nebenabsichten nicht entgehen, und dadurch wird die Erreichung auch des edel, sten Zweckes in Frage gestellt.

Nach all dem können wir Dem Regierungsorgan keine lange Lebensdauer prophezeien, und es ist gut, daß das Titel­blatt des ersten Jahrgangs gleich zu Anfang erschienen ist. Selbst die großartige materielle Unterstützung, deren sich daS Unternehmen durch die (gesetzlich oder ungesetzlich?) befohlene Anschaffung des Blattes auf Gemeindekosten augenblicklich er­freut, kann unsere Ueberzeugung nicht schwächen; denn wir glauben einmal noch an den Sieg des Rechten und den Unter­gang beS Verkehrten.

Auf den Inhalt der erschienenen Nummern hier genauer einzugehen, ist unnöthig, da sich jeder Lehrer sein Urtheil selbst bilden kann. Neben manchem Trivialen und längst Bekänn, tem enthalten sie treffliche Andeutungen, die so anregend sind, daß eö dem Verfasser dieser Zeilen wahrhaft wehe thut, wenn er, auS leicht zu errathenden Gründen, aktiven Antheil zu neh, men nicht vermag. In gleicher Lage dürften sich wohl noch viele andere nassauischen Lehrer befinden. Wir müssen daher, um der Sache selbst willen, dringend wünschen, daß daS Her, zogliche Schul-Kollegium von der Leitung deS Unternehmens obsteten und die Redaktion andern Händen überlassen möge. Am besten freilich würde daS Blatt gedeihen, wenn der derma« lige technische Referent in einer andern Stellung außerhalb des Schul-Kollegiums die Redaktion des Blattes übernähme;