gemeinen Polen — bei dem vornehmem thut Dies nicht mehr Noth — die Flamme des nationalen Hasses und zugleich des religiösen Fanatismus gegen jeden Deutschen, der in der Regel mit dem Ehrentitel Räuber belegt wird, anzuschüren. Zu die-; sem Zwecke muß die an Schimpfwörtern so überreiche polnische Sprache ihre Schatzkammer öffnen, sodaß eS dem Uebersetzer; fast unmöglich wird, die wahre Bedeutung deS polnisäen Ausdrucks im Deutschen treffend wiederzugeben. Daß in Rawitsch in der Kirche der Strafanstalt katholischer und evangelischer Gottesdienst nacheinander abgehalten wird, ist ihnen ein solcher Gräuel, daß sie berichten, die Polen kämen nicht mehr in die Kirche, um ihren Glauben nicht durch eine gemischte Andacht besudeln zu lassen. Der Schluß deS Artikels lautet: „O Knechtschaft, Knechtschaft! Brüder, seht welche Schandthat!"
Der von Libelt herausgegebene Deziennik bringt jetzt nicht selten Korrespondenzartikel auS Warschau, die ihm auf geheimen Wegen zugehen müssen, unv die für uns von hohem Interesse sind, da, seitdem die Korrespondenz mit dem Auslande in Polen strenge untersagt ist, und zwar bei Strafe von 50 Silberrubel für jeden aufgefangenen Brief, wir selbst hier in der nächsten Nähe deS KönigSreichâ ohne regelmäßig fortlaufende Nachrichten von dort sind. AuS einem solchen Privatschreiben theile ich Ihnen Folgendes mit: „Vor allem habe ich Ihnen zu melden, daß neuerdings wieder zahlreiche Verhaftungen vorgenom- mm sind, sodaß unsere Citadelle, die noch zahlreiche Verbrecher auS dem Jahre 1846 einschließt , aufs neue völlig bevölkert worden ist. Diesmal hat dieses schreckliche LooS eine Anzahl junger, bei den Gerichten in Warschau angestellter Polen, dann Offiziere in mehreren Garnisonen und Studirende auf den russischen Universitäten getroffen, da man kürzlich einer schon lange bestehenden Verschwörung unter der polnischen und russischen (?) Jugend auf die Spur gekommen ist. Nun greift man alle jungen Polen auf, deren man habhaft werden kann, ohne zu fragen, ob schuldig oder unschuldig; es genügt, daß sie unter der Vigilanz der Polizei gestanden. Unser Loos ist beklagenswerth, denn wir sind keinen Tag sicher; heute schreibe ich Dies, und morgen sitze ich vielleicht schon hinter Eisengittern. Einige Emigranten, die aus Frankreich, England oder der -Schweiz hierher zurückgekehrt sind, indem sie sich der Regierung auf Gnade und Ungnade überlieferten, sind bereits auf dem Marsche nach dem Kaukasus."
Wie einst die Städte Herford und Melle sich um den Besitz der ächten Knochen Wittekinds gestritten haben, so streiten sich jetzt die „Erfurter Zeitung" und die „Reform", wer von ihnen eigentlich daS offizielle Organ sey. Die „erstere", sagt in ihrem heutigen Leitartikel: „sie sehe sich zu der bestimmten und ausdrücklichen Erklärung veranlaßt, daß ihre Auffassung der am Sonnabend gefaßten Beschlüsse derjenigen der preußischen Regierung entspreche; ferner, daß die preußischen Minister niemals auch nur in der entferntesten Beziehung zur Verdächtigung gegen irgend eine Fraktion des Parlaments stehen könnten (die „bubenhafte Polemik" der Reform) — mögen solche Verdächtigungen zu lesen seyn, wo sie wollen." Die Reform erwiedert auf diese „sehr befremdliche Erklärung" der Erfurter Zeitung mit gesperrter Schrift: daß sie die in dem Blatte bisher festgehaltene Auffassung der Erfurter Beschlüsse nach wie vor, für die einzig berechtigte halte — und daß sie nicht nur „allen Grund habe zu glauben", sondern vielmehr aufs bestimmteste wisse, daß sie über den Standpunkt der preußischen Regierung nichts gesagt habe, waS sie nicht vollständig verantworten könnte."
Die „Breslauer Zeitung" bringt aus Erfurt folgende Charakteristik von Stahl und Vincke. Stahl, kalt, überlegt, durchaus planmäßig, fein, geschlossen, in jeder Art ein scharfsinniger, gewandter, seinen Gegner stets fest im Auge behaltender Mann, der natürlich auch Sophismen nicht verschmäht, aber immer Aufmerksamkeit erweckt und erhält. Seine magere, kleine Gestalt mit blaßgelbem Gesicht und schwarzem Haar repräsentier gleichsam ein etwas verwittertes, steinernes Symbol eines todten Gedankens der Vergangenheit.
Der feste, breitschulterige, starkknochige, derbe Vincke mit seiner frischen Gesichtsfarbe und blondem Haar, seinem derben, ungenirten Auftreten, stellt die lebendige volle Persönlichkeit der Gegenwart dar. Cr begegnet dem geschikten Fechtmeister, seinem Gegner, nicht etwa mit kunstvoller, einstudirter Parade,
sondern ergreift der Reihe nach, was ihm in die^Hände fällt — Schwert und Gewehr, am liebsten den Kolben aber, Dreschflegel und Morgenstern, Steine, Erdklöße, — zuweilen selbst in aller Elle eine Hand voll Sand. Er hat nicht Zeit, alles bas genau zu betrachten, er greift zu, haut, sticht, wirft darauf los wie ihm alles in die Hand kommt. Aller -Waffen aber weiß er sich sehr gut zu bedienen. Dabei versteht er die Angriffspunkte meistens vortrefflich zu finden, besonders die Blößen seiner Gegner zu treffen, und oft träufelt er in die eben geschlagene Wunde noch scharfe Essenz, indem er diese wohl höhnisch für Balsam ausgibt.
Aus Stahls Rede über die ungetrennte und unverzügliche Annahme der Verfassung.
Wir geben nachstehend nach der „Erfurter Zeitung" einen Auszug aus der Rede des genannten Abgeordneten (in der 9. Sitzung des Volkshauses des Unionsparlaments) zu Erfurt, weil wir es für nützlich halten, da von der Auffassung der Parteigegner Kenntniß zu nehmen, wo sie als eine geist- und gedankenvolle zu Tage tritt.
„Meine Herren! Die sämmtlichen Anträge, die von jener Seite auSgingen, sind ihrem Wesen nach nur ein und derselbe: unbedingte Annahme, Annahme auf jeden Fall. Sie beruhen alle auf dem Bestreben, den Regierungen den Rücktritt rechtlich unmöglich zu machen, und alle auf der Voraussetzung, daß der Bundesstaat, gleichviel ob gut oder üi-el bestellt, immer vorzuziehen sey unsern gegenwärtigen Zuständen. Ich bestreite schon die juristisch-formale Ansicht, die man dabei unterlegt. Mein Kollege, der Abgeordnete für Prenzlow, hat sie widerlegt. Der Entwurf einer Verfassung ist nicht das Anerbieten eines Zivilvertrages, daS durch die Annahme sofort rechtSkräf- tig wird, es ist nicht der einfältige, natürliche Sinn, auf den mein Vorredner provozirt, der die Herstellung eines Verfassungswerkes einem GutSkause parallclisirt ; sondern der Entwurf einer Verfassung ist die Basis einer legislativen Thätigkeit, und rechtsgültig wird er erst durch die letzte Sanktion des monarchischen Faktors nach dem allgemein geltenden Staatsrechte. Wie hier dieser monarchische Faktor, die verschiedenen Regierungen unter sich gebunden seyen, das ist für uns wenigstens keine sichere Handhabe. Jedenfalls bewegen wir uns auf kontroversem Rechtsboden, und ist der juristische Schachplan trüglich. Diese Erwägung jedoch ist eS, offen gesprochen, nicht, die uns bestimmt. Wir stehen ganz anders zur Sache selbst. Wir betrachten die staatliche Einheit deutscher Nation für ein erhabenes Ziel, aber auch für ein gefahrvolles Unternehmen. Wir wollen nicht den Bundesstaat um jeden Preis, und sollten auch die Grundfesten deS Vaterlandes darüber dröhnen und brechen. (Bravo auf der Rechten.) Wir wollen die unveränderte Verfassung um keinen Preis. (Lebhaftes Bravo auf der Rechten.) Darum fordern wir die Verbesserung vorder Annahme und als Vorbedingung der Annahme, und fordern Verbesserungen tm ausgedehnteren Maaße, als die Kommission.
„Die Verfassung vom 26. Mai ist gegeben in einem Moment, als die Wogen der Bewegung in Deutschland noch hoch einhergingen, oder man wenigstens vermeinte, sie ständen noch hoch und furchtbar. Sie hat darum ihren relativen Werth; sie ist namenilich ein guter Fortschritt vom 5. Dezember. Allein sie jetzt unverändert zur Rechtskraft zu erheben, das hieße die Erbschaft der Jahre 1848 und 1849 antreten , ohne die Wohlthat des Inventars, und über dieser Bereicherung könnte Deutschland leicht zu Grunde gerichtet werden. (Bravo auf der Rechten.) Selbst die Verbesserungen, welche die Kommission beantragt, sind nicht blose Verbesserungen; sie sind fundamentale Umwandlungen — (Bravo auf der Rechten.) Allerdings in einer rednerischen Hyperbel könnte man fragen, ob eS denn ein Amendement der französischen Republik ist, daß der Präsident erblich werden soll. (Heiterkeit auf der Rechten.) Kann man solche Abänderungen Vorschlägen und zu gleicher Zeit auf Annahme ohne diese Abänderung den Antrag stellen? Darf man sagen: unser Schiff bedarf noch deS Steuers und Kompasses, aber wenn es sie nicht erhält, ist es dennoch tüchtig zur Seefahrt? Eine Verfassung, die noch solcher Verbesserungen fähig ist, ist ohne sie nicht annehmbar. Warum also Annahme um jeden Preis? Frommt es, fragen wir, die Fürsten an DaS zu binden, von dem vielmehr daâ Vaterland zu
