Nassauische
Allgemeine Zeitung.
JS 28. Samstag den 2. Februar 1850*
Zweite Ausgabe.
Uebersicht.
Zeitungsschau.
Die deutschen Ostseeprovinzen Rußlands.
Deutschland. Idstein (GlaubenSbekenntniß der freien Gemeinde). — Frankfurt (Die Main-Weser-Bahn). — Darmstadt (Die Bischofsangelegenheit). — Berlin (Ausfall der Reichstagâwahlen). — Wien (Gesetzesfabrikation. Die Witterung. Anbahnung einer deutschen Zolleinigung).
Frankreich. Paris (Vermischtes).
Großbritannien. London (Schiffbruch).
Italien. Piem ont (Die Gebietsabtretungen an Piemont), — Venedig
(Legitimisten-Kongreß). — Rom (Sprachenkonzert).
Nachschrift.
Zeitungsschau
Wie Herr Cobden und die liberale Presse sich über die russische Anleihe vernehmen lassen, haben wir erwähnt, oder wenigstens angedeutet; denn die persönlichen Ausfälle gegen Kaiser Nikolaus, die mit unterliefen, lassen sich nur englisch lesen*). BemerkenSwerth ist indessen folgende Aeußerung des toryistischen Standard: „Die Schmähungen deS Hrn. Cobden sind wenig werth; aber noch weniger die schändliche Vertheidigung der Anleihe in der Times. Wäre Hr. Cobden ein Mann, dem man irgend Aufrichtigkeit Zutrauen könnte, so möchten wir sein Verdammungsurlheil gegen die Tyrannei deS Czaren achten; aber diese FreiheitSveklamationen auS dem Munde dessen, der, um ein paar Ballen Baumwollwaare mehr zu verkaufen, das seinige dazu beigetragen hat, den fluchwürdigen Sklavenhandel von Brasilien und Cuba zu verdoppeln (nämlich durch Unterstützung der Bill über Zulassung des Zuckers aus sklavenhaltenden Staaten) sind tief anekelnd. An- dererseitS ist die Doktrin der Times, daß man bei der Anlegung seines Kapitals einzig uns allein auf den Gewinn zu sehen habe, bestens geeignet, das Volk gänzlich zu verderben und niederträchtig zu machen.
Wohin diese Lehre des „quilibet lucri odor Bonus“ folgerecht führt, liegt in einer unlängst veröffentlichten statistischen Angabe zu Tage, wornach ein Individuum der Eigenthümer ist von etlichen hundert oder tausend Bordellen in London, welche alle um so höhcrn Grundzins zahlen, je schwunghafter das schändliche Gewerbe in ihnen betrieben wird. Dieser Großhändler in Prostitution erscheint durch die Doktrin der Times vollkommen gerechtfertigt: der Mann verkauft eben auch „auf dem gewinnbringendsten Markt", und die Sünde legt ihm das beste Angebot. Die Wahrheit ist: die Fabrikmühle und der Geldmarkt haben ihren besondern Moralkoder, und wer da kein Adept ist, der findet sich in den moralischen Beweggründen der Herren Fabrikanten und Stockjobber schwer zurecht. Was
*) Nur eines wollen wir erwähnen. Ein bekannter Ukas ruft hinsichtlich der russischen Siege aus: Gott ist mit uns Russen!" Dazu bemerkte Cobden: „Wenn das ist, so hat auch unser Herrgott zuweilen einen schlechten Geschmack."
Jesus Sirach Sohn als allgemeinen Satz aufstellt, gilt wenigstens von diesen beiden GewcrbSklasscn: „„Wie ein Nagel in der Mauer zwischen zwei Steinen steckt, also steckt auch Sünde zwischen Käufer und Verkäufer."" (Dieser liebreiche Ton ist wohl ein Vorschmack der Artigkeit, womit Protektionisten und Freetraders in der bevorstehenden Session einander behandeln werden.)
Die ministerielle „Oesterreichische Korrespondenz" sagt in Bezug auf die deutschen Verfassungsgerüchte: In München handle es sich zunächst bloß um die Grundlagen der Vereinbarung der deutschen Regierungen. Wahrscheinlich werde man für die „höchste Potenz des deutschen Gesammtbundes" dem Dualismus Ausdruck geben, der schon im Interim vorgezeichnet sey. (Also keine Trias und kein Fünferdirektorium, wie. es anderwärts erdacht und erstrebt worden.) Die Denkschrift über die deutsche Handelseinigung sey vom 30. Dezbr. datirt.
Die deutschen Ostfeeprovinzen Rußlands.
Von Riga, Reval und Mitau her erschallen Klagen, weil das moskowitische Element in den Ostseeprovinzen immer weiter um sich greife. Die Bauern fallen zu Tausenden vom Lutherthume ab und wenden sich den Popen und der „rechtgläubigen" Kirche zu. Wer jedoch die Lage der Dinge in Kurland, Livland und Esthland etwas näher kennt, wird sich über diese Erscheinung nicht wundern.
Von den anderthalb Millionen Einwohnern jener drei Länder sind allerhöchstens nur Zweimalhunderttausend Deutsche, und diese kamen ursprünglich nicht mit dem Pfluge, sondern mit dem Schwerte an den rigaischen Busen und die Düna. Das Land wurde von den Deutschen nicht kolonisirt, sondern lediglich erobert und ausgebeulet. ES zogen aus unserm Vater- lande nur Ritter, Kaufleute und Handwerker in jenes einst so unwirthbare Land. Sie gründeten blühende Städte und baue# ten Burgen, aber den Boden haben sie selber nie bebauet. Der Ritter um-rwarf den undeutschen Eingebornen und legte ihm zu gleicher Zeit Frohnden, Leibeigenschaft, Zehnten und Christenthum auf; der Lette oder Esthe galt ihm lediglich als Maschine, welche für ihn arbeitete. So hat denn freilich das Lehnwesen die VolkSthümlichkeit jener alten Stämme gerettet; denn hätte man deutsche Bauern nach Livland übergcsiedelt, so wäre ohne Zweifel dort ganz in derselben Weise gcrmani- sirt worden, wie in den weiten Ebenen zwischen Elbe und Weichsel, und die niedere Rationalität wäre aufgeschlürft worden und in der höhcrn aufgegangen.
So aber sind die Deutschen in den Ostseeprovinzen allerdings lange Zeit „Herren" gewesen, aber auch Fremdlinge und Sprenglinge geblieben , und daö deutsche Wesen hat keine tiefen Wurzeln unter den Eingebornen geschlagen, denen eS am Ende vollkommen gleichgültig seyn kann, daß nur der „Herr" ein Moskowiter ist. Eine selbstständige Rolle in der
