jeder Einzelne kann wählen oder nicht wählen; allein ob es eines Staatsdieners würdig ist, gegen ein Gesetz auf alle Art zu agitiren, ist eine Frage, die uns vielleicht bei bevorstehender Klage gelöst wird. Von dieser Seite her soll Hr. R. überlegen, wodurch er seine dienstliche Stellung gefährdet glaubt, ob durch seine Agitation oder durch jenen Artikel aus Herborn?
Man sagt uns auch, der Anschluß an das Bündniß vom 26. Mai und das dadurch bedingte Wahlgesetz sey von der Fraktion der Linken verworfen worden. Allein ist es nicht parlamentarischer Takt, daß sich die Minorität der Majorität fügt? Hat nicht selbst die Frankfurter Linke in Der Reichsver- fassungsangelegenheit sich der Majorität gefügt?
Ferner sagt man, die Reichsverfassung sey beschworen, deßhalb habe nur sie Verbindlichkeit. Allein dieß ist ein politischer Eid, der gerade so viel Geltung hat, als der Eid, den wir der Verfassung von 1817 geschworen haben. Es ist dieß ein eckelhastes Koketliren der s. g. Demokraten mit dem Eide; es gehört diese Machination zu jenen Kunstgriffen, wodurch man dem Publikum Sand in die Augen zu streuen sucht. Der Eid auf eine Verfassung besteht natürlich nur so lange, als die Verfassung besteht. Man erinnere sich an die Zeilen der französischen Herrschaft, wo bald dem einen bald dem andern geschworen wurde. War denn damals die Welt aus lauter Meineidigen zusammengesetzt? Ebenso wenig, wie jetzt. Man sieht aber, daß man kein Mittel unversucht lassen will.
* Marienberg, 26. Jan. Die für den Wahlbezirk Rennerod in der „Nass. Allgem. Zeitung" nach Erfurt empfohlenen Kandidaten Heydenreich und Wirh, — zwei aliungswerihe Männer — scheinen dennoch dem Herrn Präs. Vollpracht bei weitem nachstehen zu müssen, da dieser unstreitig auf dem Felde der Politik die meiste und gründlichste Erfahrung mit Gesinnungstüchtigkeit in gleichem Grade verbindet. Es werden daher die Wahlmänner de Amtes Marienberg: Rentmeister Schmidt und Lehrer Schwarz daselbst, Bürgermeister Chelius in Stockhausen, Pfarrer Frei in Liebenscheid, Bürgermeister Wehr in Bretthausen, Müller Rübsamen in Bach, Bürgermeister Müller in Stockum, Bürgermeister Aust von Rotzenhahn und Johann Geisler von Büdingen die übrigen gleichgesinnten Wähler aufzufinden wissen und nicht unversucht lassen, Herrn Vollpracht bei der Wahl durchzusetzen, weil sie der festen Ueberzeugung leben, daß derselbe ein höchst würdiges Mitglied der Erfurter Versammlung seyn wird.
Andererorts wird von geringer Betheiligung an den Vorwahlen Nachricht gegeben; von der dahier stattgehabten Wahl muß das Gegentheil behauptet werden, da diejenigen Urwähler, welche gerade keine Berufs- oder Geschäftsver- Hinderung hatten, der ungünstigen Witterung keinen Einfluß auf ihr Erscheinen gestalteten.
Gießen, 28. Jan. (O.-P.-A.-A.) Die Professoren katholischer Konfession an der großherzogl. hessischen Landesuniver- sität, namentlich Geh. Rath v. Löhr und Geh. Rath v. Ri t gen, Umpfe nbach, Ritgen jun., Lutterbeck, Wilbrand, Bullers, Wetter und Löhnis, haben eine Vorstellung an das Domkapitel zu Mainz gerichtet, worin ste dasselbe, unter Bezugnahme auf das bestehende Koncordal, ersuchen , zur Wahrung der Ehre ihres allerseits hochgeschätzten Kollegen Schmid den in der Bischofsangelegenheit rechtlich durchaus erforderlichen Jnformativprozeß herbeizuführen.
Berlin, 27. Jan. Das Ministerium hat in allen wesentlichen Punkten gesiegt, nur der Satz „Vie Minister sind dem Könige und dem Lande verantwortlich", und der Artikel über die Fideikommisse wurde verworfen. In der Hauptfrage — Bildung der ersten Kammer — hat das Ministerium seine Majorität den polnischen Abgeordneten zu danken, welche sich sämmtlich der Abstimmung enthielten. Mit 18 Stimmen ist die Verfassung vom 5. Dezbr. 1848 von der aufgelösten zweiten Kammer als rechtsgültig anerkannt worden, mit 12 Stimmen also führt die jetzige zweite Kammer die erbliche Pairie ein. Dem Könige wurden noch gestern Nacht die Resultate der Abendsitzung nach Charlottenburg überbracht. Ebenso ward dies Ergebniß nicht blos von Privatpersonen, sondern auch von Seiten der Regierung nach den verschiedensten Richtungen hin durch die Telegraphen gemeldet. Besonders lebhaft war der Depcschenwcchsel zwischen hier und Frankfurt, a. M. Der Telegraphendienst auf der Linie nach Frankfurt wurde während der ganzen Nacht ununterbrochen fortgesetzt. (Lith. Korr.)
Ratibor, 24. Jan. Vorgestern Nachts ging hier ein Bataillon Hayna«, aus Prag kommend und nach Krakau gehend,
durch, und gewährte einen höchst bejammernswerthen Anblick. An dreißig Mann hatten erfrorne Hände und Füße, und einige sind sogar schon als Todte in Oderburg zurückgelassen worden. Ein Wunder ist es allerdings nicht, wenn man die strenge Kälte und die schlecht verwahrten Waggons Dritter Klasse der Nordbahn erwägt. Als die Gesunden hier in die gutverwahrten Waggons traten und Strohdecken auf dem Boden fanden, sprangen sie vor Freuden.
Schweiz.
Wallis. Der Kourier vom 23. Januar bringt Details über eine Verschüttung auf dem Simplon. Den 16. Januar zwischen ein und zwei Uhr nach Mittag reisten bei starkem Schneegestöber fünf Personen, Abbe Amacker, zwei Brüder Posseti, Kaufleute von Lar, im'Bezirk Gumbsch und zwei Männer von Saas, vom Hospitz ab. Umsonst hatten ihnen die Mönche das gefährliche Unternehmen abgerathen. Bald waren die Reisenden von wirbelnden Schneewolken eingehüllt und konnten nur nach langer Zeit bis zum alten Hospitz vordringen. Dort angelangt löst sich ein Schneeschwall (xonüe) über der benachbarten Höhe ab, stürmt über die Straße weg, und reißt die Wanderer mit sich über die Stützmauer, an deren Fuß er vier von ihnen erdrückt und begräbt. Der fünfte, ein Posseti, ist nur mit halbem Körper eingesargt, kann sich aber doch den Rest des Tages, die ganze Nacht und einen Theil des nächsten Tages nicht aus seiner Lage befreien. So wurde er von den Straßenaufsehern gefunden. Man erkannte den Menschen an seinen Kleidern, welche vom Schnee abstachen , man kam herbei, brachte ihn zu sich selbst und fragte ihn, wo seine Gefährten seien. „Zieht mich nur vor der Hand heraus," antwortete Posseti, „meine Kameraden haben euere Hülfe nicht mehr vonnölhen; da unten liegen sie, unter dem Schnee." Man brachte den Unglücklichen in das nächste Zufluchtshaus, wird ihn aber schwerlich retten , da man ihn, statt seine Glieder mit Schnee zu reiben , gleich in eine stark eingeheizte Stube brachte.
Türkei. *
Ueber den angeblichen, durch den „Morning Herakd" mitgetheilten Plan zur Ermordung Kossuth's, will der „©lobe" Folgendes in Erfahrung gebracht haben: „Vor etwa 4 oder 5 Wochen ward Sir Stratford Canning von der Entdeckung dieser Verschwörung in Kenntniß gesetzt, und als die letzten Nachrichten die Levante verließen, war sie das allgemeine Stadtgespräch in Konstantinopel. Folgendes sind die Einzel, heilen: Unter den Flüchtlingen, welche Kossuth über die tür, kische Gränze gefolgt waren, befand sich ein ungarischer Soldat, welcher aus dem kaiserl. Heere in Italien desertirl und dem es auch gelungen war, sein Vaterland vor der Beendigung des Krieges zu erreichen. Ein österreichischer Konsul setzte sich in Verbindung mit ihm und suchte ihn zu überreden, ihm in einem Plane zum Entkommen Kossuth's behülflich zu seyn. Er stellte ihm die beständigen Verlegenheiten vor, welche die Flüchtlings-Frage Oesterreich verursachen werde, und wie zweckmäßig es sey, Kossuth sogleich in Stand zu setzen, Frankreich oder England zu erreichen. Der ungarische Soldat ging in die Falle und ließ sich auf Maßregeln zur Ausführung des Planes ein. Bald jedoch kam die wahre Natur des Planes des österreichischen Konsuls an den Tag. Kossuth sollte aus seinem türkischen Wohnorte hinweggelockt und dann von einer auf dem Wege nach der Seeküste aufgestellten Kroaten-Bande ermordet werden." Ueber die Art, wie die Lache entdeckt wurde, weichen die Berichte von einander ab. Der „Morning Herald" schreibt die Entdeckung dem Obersten Neal, englischer Konsul in Warna, zu. Wie sich dies aber auch verhalten mag, so viel steht fest, daß Sir Stratford Canning von dieser empörenden Verrätherei und von den Umständen, welche die österreichische Regierung kompromittirten, in Kenntniß gesetzt wurde. Mit seiner Beihülfe sind die türkischen Behörden jetzt in einer Untersuchung des ganzen Anschlages begriffen, bereu Ergebniß ohne Zweifel binnen Kurzem der Welt vorgcleg werden wird. Wir haben die Fakta gegeben, wie sie in Diesem Augenblicke zu liegen scheinen.____
Verantwortlicher Redakteur: W. H- Riehl.
