Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M 21
Freitag -en 2S. Januar
1S5O>
Zweite Ausgabe.
Uebersicht.
ZeitungSschau.
Europa und das Germanenthum.
Deutschland. Wehen (Die Wahlen). — Aus dem Amte Wallmerod (Die Medizinaltare). — Hachenburg (Die Wahlen-Verwundung). — Mainz (DaS RheineiS). — Hannover (Die Kammer). — Berlin (Der Gesetzentwurf über die Grundsteuer-Befreiung). — Wien
Vermischtes). — G ü»s (Hinrichtung).
Frankreich. Paris (Vermischtes).
Großbritannien. London (Chartistenversammlnng).
Nachschrift.
Sprechsaal für Stadt und Land.
Zeitungsschau.
Ein Münchener Korrespondent der Weser-Zeitung schreibt: Großes Aussehen erregt eine Schrift von Friedrich Rohmer, betitelt: „Bayern und die Reaktion." Der Verfasser ist anerkannt der geistvollste Publizist Bayerns, und seinem großen Talent würde man sicherlich noch mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen, wenn sein Charakter weniger zweideutig, seine An- tecedentien minder anrüchig wären. Herr Friedrich Rohmer hat seine Laufbahn als politischer Schriftsteller in Zürich unter Bluntschli's Protektion begonnen und seine Artikel in der Eidgenössischen Zeitung, in welcher er eine neue Fahne, die liberal-konservative, aufsteckte, erregten schon damals bedeutendes Aufsehen. Später kam Rohmer nach München, verkehrte mit Herrn v. Abel und hatte in Ischl eine Unterredung mit dem Fürsten Metternich, der ihn für Oesterreich zu gewinnen suchte. Rohmer huldigte indessen nicht dem politischen System dieser beiden Staatsmänner und verfeindete sich sogar mit der Abel'schen Partei in Bayern durch seine Schrift: '„Stimmen eines Konservativen gegen den Ultramontanismus." Merkwürdigerweise glaubte man jedoch fortwährend, Rohmer werde durch geheime Staatsgelder unterstützt. Der Aufwand, den er bei seiner bekannten Armuth machte, war allen unerklärbar. Nach der Thronbesteigung des Königs Mar wurde er von diesem oft zu Rath gezogen und man sah ihn ein paarmal jede Woche im Nymphenburger Schloß. Später hat diese Hofgunst aus bekannten Gründen plötzlich aufgehört. Nach der allgemein herrschenden Meinung glaubt man noch immer, Rohmer sey im Besitze höchst wichtiger Staatsgeheimnisse und die Gelder, die ihm aus unbekannter Quelle noch heute reichlich zuzufließen scheinen, seyen der bedungene Lohn seines Stillschweigens.
Europa und das Germanenthum.
(Schluß.)
„Die Herzogthümer hatten sich allmâhlig verwischt und aufgelös't. — Die Fürsten und bald auch die Städte theilten
I
sich in die Spolien des immer mehr sich desorganisirenden Reichs. — Die großen Umänderungen erfolgten allmählig und zufällig und ohne geschriebenes Gesetz. — Hinter dem Kaiser stand keine Reichsgrundverfassung mehr. — Als Karl IV. in der Mitte des 14. Jahrhunderts die Krone auf seinem Haupte befestigte und die Ordnung künftiger Königswahlen in einem Reichsgesetze feststellte, hatte Alles schon sich so geändert, daß von dem alten Königthum daS Wenigste mehr übrig war."
„Nach den drei Jahrhunderten der Monarchie hatte diese anderthalbhundertjährige Uebergangszeit einen öffentlichen Zustand des Reichs herbeigeführt, den man noch am besten als einen „Bundesstaat" wird bezeichnen können. Die Herzogthümer nun fast durchaus in einzelne „Länder" zersplittert, deren jedeS in gesonderten Rechten für sich bestand."
„Wie nach nochmals anderthalbhundert Jahren, zu Anfang des 16ten, ein neues Leben die europäische Welt durchströmte, machte Kaiser Mar die früheren willkürlichen Bündnisse durch Einführung der Kreise zu einem Theile der Reichs, Verfassung. Vielleicht hätte sich hieraus etwas Ersprießliches entwickeln mögen, wenn nicht durch die Kirchentrennung ein neuer Riß erfolgt wäre, den das Habsburgische Haus, durch die Erwerbung Spaniens eben so, wie einst das Staufische durch die Siziliens geschwächt', nicht zu be, meistern vermochte."
„ES folgte nun durch fast wieder anderthalbhundert Jahre biS zum westphälischen Frieden eine neue schlimmere Uebergangszeit. Jene frühere im 13. Jahrhundert hatte den Verlust Italiens und der Länder ostwärts des Rhodans zur Folge, diese neue eröffnete sich mit dem der drei welschen Bis- thümer."
„Aus der äußersten Zerstückelung hat erst fremde, dann einheimische Willkühr neue Massen geformt, nicht aber auf der angebornen Grundlage der alten Stämme, nicht mit Berücksichtigung der einmal vorhandenen Kirchentrennung, sondern nach Konvenienzen, welche der Nation als solcher fremd waren. So bestehet denn das, was die neuen „Staaten" in sich ver, bindet, vielfach nur in der „Verwaltung," welche nur jene Verschiedenheiten auszugleichen sucht."
So schrieb der Verfasser im Jahre 1844. Er liebt es, und seine großen Regcstenarbeiten brachten ihn leicht dazu, solche „Knotenpunkte" sich und Anderen zur „Orientirung" vorzuhalten. In den vorstehenden wollte er auch wirken zu „der Ueberzeugung von dem unberechenbaren Werthe, welchen gerade dermalen für die deutsche Nation die richtige Kenntniß ihrer Geschichte haben könnte."
Aber was lernte die deutsche Nation aus ihrer Geschichte? Eben daS, was sie im Jahre 1848 einmüthig anstrebte, die Nothwendigkeit der Einheit ihres Bestehens; der Einheit in der Führung, der Einheit mit dem Fürstenhause und seinen Landen, dem diese Führung anzuvertrauen wäre.
Deutsch wollte die Nation seyn in sich und außer sich; deutsch, durch und durch deutsch und nur deutsch sollte die Macht seyn, welcher sie sich zur Führung anvertrauen wollte.
Wenn das „Germanenthum" Einfluß üben will oder soll auf die Geschicke Europa'S durch seine Mittelstellung zwischen
