Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M 19. Mittwoch -en 2S Januar 1850»
Zweite Ausgabe.
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Uebersicht.
Zeitungsschau.
Die Assisenverhandlungen zu Wiesbaden.
Deutschland. Cleeberg (Die Wahlen). — Geisenheim, Rüdes- h e i in und Medenbach (DeSgl.). — Hadamar (DeSgl.). — Darmstadt (Auflösung der Kammer). — Karlsruhe (Jtzstein), — Dresden (Die Verurtheilung Heubners, BakunninS und Röckel'S). — Hannover (Kammerbeschluß über das Erfurter Schiedsgericht). — Berlin (Telegraphische Depesche über die mecklenburgische Frage. Die Berfas- sungSkrisiS. Annehmen oder Revidiren? Peter Minus. Der demokratische Gesammtausschuß. Preßgesetz). — Schwerin (Die VerfaffungS- angelegenheit). — Wien (Erzherzog Johann. Keine Hausknechte mehr. Unterbrochene Kommunikation. Die FlüchtlingSangelegenheit in Konstantinopel Beigelegt).
Schweiz. Baselland (Im Stande der Unschuld). — Hohenrain (Brandstiftung).
Frankreich. Arles (Ruhestörungen).
Großbritannien. London (Angebliches Ableben Ludwig Philipp» nicht bestätigt).
Zeitungsschau
Der bekannte ss * Korrespondent der Oberpostamtszeitung knüpft folgende Betrachtungen an die plötzliche Berufung des Herrn von Radowitz nach Berlin: Herr v. Radowitz ist nach Berlin einberufen. Diese Einberufung steht mit der Kabinels, und Berfassungskrisis in Verbindung, die jetzt Jedermann be- schäftigt. Wir können nicht ermessen, welche Rolle Herr v. Ra, bowitz dabei zu übernehmen haben wird; nur so viel ist klar, daß dieselbe eine höchst bedeutsame und folgenreiche seyn wird. Wir sind seit Jahren gewohnt, den Namen dieses hochbegabten Staatsmannes in allen entscheidenden Krisen erscheinen zu sehen. Hoffen wir, daß sein Erscheinen ein segensreiches seyn werde. Er wird mündlichen Bericht über die Lage abstalten können, in der das Interim sich befindet. Ihm sind keine der vielfach verschlungenen Fäden, keines der großen Interessen des TagS, keines der Rechte der Theilnehmer an dem Entwicklungsprozeß Deutschlands unbekannt; an seinem Patriotismus ist Niemanden zu zweifeln erlaubt, und er wird daher am besten die Mittel und Wege anzugeben wissen, wie der noch waltenden Ungewißheit ein Ende zu machen, wie ein fester Rechlözustanv herzustellen sey. Ist in Berlin ein sicherer Boden gewonnen, so wird ein Gleiches auch hier erzielt werden können, und die Verständigung mit Oesterreich, die Herr v. Radowitz als eine der Grundlagen der preußischen Politik betrachtet, wird die erste Frucht dieser bedeutungsvollen Reise seyn. In der Erwartung solcher Resultate kann es uns für's erste nicht gestattet seyn, in der Entwicklung unserer Ansichten über die Neugestaltung Deutschlands fortzufahren. Wir hoffen, daß wir fortan erfreulichere Betrachtungen anzustellen haben werden. Jedenfalls naht sich die Lösung der unbehaglichen Spannung, in der ganz Deutschland sich befindet. Die BerfaffungskrisiS in Berlin hat in unsern Augen die Bedeutung, daß durch sie entschieden werden wird, mit welchem Preußen wir eS zu thun haben. Wir sehen
die monarchischen Traditionen und Gefühle Preußens im Kampfe mit den demokratischen Ideen und Gelüsten, die sich des Gewandes des Konstitutionalismus bedienen. Es handelt sich um den Besitz der Gewalt, und als den Angelpunkt betrachten wir den §. 108 der Verfassung. An dem Rechte der Steuererhebung haftet der gesammte Organismus des Staates. Hat die Kammer darüber zu verfügen, so wird die Beamtcnwclt ihr anhängen und dienstbar seyn. Im andern Fall wird sie sich dem Könige, als der Quelle der Gnaden und der Vor- theile des Staatsdienstes zuwenden. Das hat der Altvater der Märzrevolution, von Jtzstein, wohl gewußt^als er sich in der badischen Kammer den Bericht über das Budget jederzeit vorbehielt, und damit wucherte und zeigte, bis die Regierung der Kammer gewährt, was er gewollt. Ist einmal in Preußen durch die Vermittelung der Volkskammer die Allianz des Be- amtenthumS mit der Demokratie geschlossen, so mag der König zusehen, wie er wieder zu der altväterlichen Macht gelange. AlSdann wird der Zerreibungsprozeß in ganz Deutschland seinen Fortgang nehmen, und wir gehen einer Umwandlung entgegen, deren Ende sich nicht absehen läßt. Im andern Fall werden wir langsamer vorwärts schreiten und doch noch einige der alten Bausteine zum Nebenbau verwenden können.
Der „Allgemeinen Zeitung" schreibt ein bekannter offiziöser Korrespondent auS München: „Es bereiten sich, wie rheinische und Stuttgarter großdeutsche Blätter (auch der „Württembergische StaatSanzeiger") anbeuten, wichtige Dinge vor. Die von Bayern, Württemberg, Hannover und Sachsen im Einklänge mit Oesterreich v orzuschlagende Verfassung soll zwischen denselben in den Hauptzügen vereinbart seyn. Sie ist bestimmt, dem Entwurf vom 28. Mai entgegen« gestellt zu werden. DaS Wichtigste aber ist, daß Preußen damit einverstanden seyn soll. ES würfe dieS ein neues Licht auf die königl. Preußische Botschaft vom 9. Januar. Die Kabinette scheinen allerwärts viel einiger, als der Notenkrieg erwarten ließ, und hier scheint man guten Muth zu haben, trotz der Gefahren, mit denen die nur durch Worte beschränkte Gewalt des Interims alle Mittel- und Kleinstaaten bedroht. Wie ich höre, ging gestern Mittag eine telegraphische Depesche , die erste, nach Wien, veranlaßt vom österreichischen Gesandten , oder, wie ich glaube, im gemeinschaftlichen Interesse ab. Abends scheint man die Antwort empfangen zu haben. — Nach den Verfaffungsentwürfen geht die Frage über die Stellung der kleineren Staaten her. So wie sie sind, bilden sie eine stets eiternde Wunde. Was soll z. B. zunächst mit Baden geschehen? Preußen hat bekanntlich den Plan, die da- hissen Regimenter nach Preußen zu verlegen und in Baden noch für Jahre preußische Garnisonen zu lassen. Damit steht in nächster Verbindung die mögliche Besetzung Sachsens durch Oesterreicher und die Konzentrirung österreichischer Truppen in Vorarlberg. Der Plan der Meviatisirung Badens, als des einzigen Mittels einer dauernden Feststellung geordneter Verhältnisse daselbst, scheint in Preußen und anderwärts viele Freunde zu finden. Indessen liegt das Bedenkliche eines
