sie angenommen, und jetzt macht es eine KabinetSfrage daraus, daß diese Verfassung in wesentlichen Stücken abgeändert werde. Roch vor wenigen Wochen haben alle einzelnen Minister bei den VerfassungSberathungen in den Kammern gegen die Vorschläge einer erblichen Pairie gestimmt, heute macht das ge- sammte Ministerium die Annahme eben dieser nur wo möglich noch schärfer gefaßten Vorschläge zur Bedingung seines Blei- Lens im Amt. Das Ministerium genießt das volle königliche Vertrauen und macht sich desselben auch durch die fügsamste Hingebung noch täglich würdig, es pocht andrerseits den Kammern gegenüber sehr gern und wohl nicht ohne Grund auf die Liebe und Anhänglichkeit deS größten Theils des preußischen Volks.
Was wäre also natürlicher, als daß die Kammern, falls sie sich zur Annahme der ministeriellen Vorschläge nicht entschließen könnten, aufgelöst und aus dem Schooß des Volks neue berufen würden? Aber statt dessen droht man mit Auflösung des Kabinels und der Berufung eines neuen. Sonderbar und doch sehr natürlich.
Es ist in der That eine Kabinetssrage, aber ihr Schwer- punkt liegt nicht in dem Verhältniß des Ministeriums zu den Kammern, sondern in dem zum Könige. Er will seinen Willen in den Kammern durchgesetzt haben, und verhelfen ihm dazu seine jetzigen Minister nicht, so wird er sich nach andern Werkzeugen umsehen. Er handelt hierin ganz und gar in seinem Recht, schwerlich in seinem Vortheil.
Aber die Minister durften in ihrer Nachgiebigkeit, in dem Glauben an ihre Unentbehrlichkeit nicht so weil gehen Daß sie lange gegen die königlichen Zumuthungen ankämpften, bewiesen die mancherlei Ministerkristsgerüchte, die zu Anfang des Jahres verbreitet waren. Sie hatten sogar den Vorschlag der erblichen Pairie beseitigt, aber noch in der letzten Stunde, als ihm die Botschaft in der Reinschrift zur Unterzeichnung vorgelegt wurde, korrigirte der König diesen Punkt wieder hinein, was dann auch die Vorlage in den Kammern zwei Tage verzögerte.
Werden die Regierungsvorschläge wohl durchgehen? Nach den bisherigen Besprechungen und Abstimmungen in den Ausschüssen ist es kaum denkbar. Die Kammern würden sich dadurch in der Thal auch ihr moralisches ToveSurthcil sprechen, und nicht bloß sich selbst und dem ganzen konstitutionellen Wesen, sondern auch der Krone eine schwere Wunde schlagen. An die Durchführung einer Kreis- und Gemeindeordnung und gleicher Besteuerung wäre bei einer nach den RegierungSvor- schlâgen gebildeten ersten Kammer kaum mehr zu denken. Gegen diese Phalanx der Junkerpartei wäre die Volkskammer wie die Regierung fast wehrlos.
Und worin werden denn die gefährlichen Folgen eines Ministerwechsels bestehen? Die wichtigsten Angelegenheiten sind soweit in ihrer Entwickelung fortgeschritten, daß sie auch ohne die schützende Pflege Manteuffels gedeihen können. In der deutschen sowenig wie in der preußischen Verfassungssache kann eine preußische Regierung mit Ehren zurück. Ein Ministerium Gerlach könnte ohne förmlichen Rechtsbruch, und dazu hat man in Potsdam weder den Muth noch die Gewissenlosigkeit , keinen Monat regieren und würde ohne Zweifel seine Hauptbedeutung darin haben, daß eS ein liberales Kabinet, schneller als eS sonst geschehen könnte, ans Ruder brächte. Ein von der reaktionären Partei mehrfach auf ihre Minister- Liste gesetzter Mann antwortete einem Freunde auf die Frage, ob der König den Eid auf die Verfassung verweigern könne: „Ja, wenn er abdankt." Ein Diktum, daS ich verbürgen kann. (W. Z.)
Deutschland,
Die „Mainzer Zeitung" meldet, daß auch in dem Herzoglich nassauischen Dorfe Kriftel Waldeck zum Ehrenbürger ernannt, und das Diplom ihm mit einer Adresse vom Bürgermeister und Gemeinderach zugesendet worden sey!
Frankfurt, 15. Jan. (K. Z.) Die Versammlung der Gothaer Partei wird nicht Statt finden. Von allen Seiten gehen die zufriedenstellenden Mittheilungen über die Organisation der Partei ein, und namentlich für das nächste Ziel, den erfurter Reichstag, sind die Vorbereitungen im ausreichendsten Maße getroffen. Man wird daher für die nächste Berathung eine dringende Veranlassung abwarten. Möchte diese Veranlassung nicht in Berlin geboten werden!
Koblenz, 17. Jan. (O.-P.-A.-Z.) In Bezug auf meine kürzlich gemachte Mittheilung wegen der mehrfach in jüngster Zeit zum Vorschein gekommenen falschen preußischen Fünfthalerdarlehensscheine, kann ich Ihnen nunmehr berichten, daß nach einer gestern von Siegen hier eingetroffenen Nachricht, eS daselbst gelungen ist, die Fabrik derselben bei einem dortigen Lithographen zu entdecken, wobei man zugleich zwei zum Au- fertigen der falschen Scheine zugerichtete Steinplatten, sowie noch mehrere tausend solcher falschen Kassenscheine vorgefunden hat. Schon vor längeren Jahren waren bereits falsche preußische Kassenanweisungen ebenfalls von einem Manne auö vor, tiger Gegend angefertigt worden.
Trier, 11. Jan. (D. Ref.) Heute ist die vierte Sitzung in der Untersuchungssache wider Grün und Genossen. DaS Zeugenverhör wird fortgesetzt, und es stellt sich dabei heraus, daß viele Zeugen sich der ihnen vorgehaltenen Thatsachen durchaus nicht mehr erinnern können, oder Erläuterungen geben, welche die erste Lage der Sachverhältnisse inö Komische zu travestiren beabsichtigen. Mit den ursprünglich vor dem Untersuchungsrichter abgegebenen Aussagen der Zeugen treten viele Depositionen, die gegenwärtig vor dem Schwurgericht gemacht werden, in ganz offenen Widerspruch.
Kassel, 16. Jan. (D. Z). Die Demokratie hat gestern ein erhebendes Fest gefeiert, einen Fackelzug zu Ehren der Mitglieder der linken Seite der Ständeversammlung. Die Gefeierten waren, wie sich von selbst versteht, in einem Gasthofe zu finden. Hierher wälzte sich der Zug. Dr. Keller, Redakteur der trefflichen „Hornisse", brachte ihnen die Bewunderung deS „Volkes" dar, nicht ohne vorher nachdrücklich gegen die „Knute" protestirt zu haben, „die uns von Osten her aufge, drungen werden soll". Hr. Bayrhoffer, im Namen der Linken, dankte gerührt. Er erinnerte daran, daß er bereits die Ver, werfung des Branntweingesetzes' zu Stande gebracht, und schöpfte daraus die feste Ueberzeugung, daß der endliche Sieg der Demokratie gesichert sey. Ein Hoch dem „braven deutschen Volke." Herr Theobald verhieß der begeisterten Versammlung einen neuen Völkerfrühling. Sein Toast galt der Freiheit. Herr Heise endlich protestirte „vor Gott und unter seinem freien Himmel" im Namen „deS Gesindels und der Gassen- jugend", welcher man diese erhebende Feier in die Schuhe zu schieben nicht ermangeln werde, gegen alles Bestehende. „ES lebe die demokratisch-soziale Republik!" Donnernder Beifall. Unter dem Gesang des NationalliedeS, der Marseillaise, ging der Zug auseinander.
Aus Norddeutschland, 11. Jan. (D. A. Z.) Das am 1. Januar erfolgte Ableben der regierenden Herzogin von Anhalt-Dessau dürfte bei den hier obwaltenden besonder» persönlichen Verhältnissen vielleicht nicht ohne politische Folgen für daS Herzogthum bleiben. Aber auch Fragen materieller und sogar finanzieller Natur möchten bei diesem Todesfälle zur Sprache kommen, da die Verlassenschaft der verstorbenen hohen Frau auS Vermögen von verschiedenen Bestandtheilen (oder vielmehr Allodial- und Domanialvermögen), wie es heißt, bestehen soll. Bei dem Ordnen der desfallsigen Angelegenheiten dürften, wie man glaubt, leicht wichtige Einflüsse von außen maßgebend werden.
Berlin, 16. Jan. (O.-P.-A.-Z.) Ein Strahl der Hoffnung auf eine Ausgle ichung scheint durch die schweren Wolken, welche gegenwärtig auf Preußen lagern, durchzuschimmern. Die Kamphausenschen Vermittelungsvorschläge dürften, falls die Kammern sich zu einigen Modifikationen derselben verstehen, von dem Ministerium angenommen werden. Heute Morgen ist Sitzung des Gesammt-Staatsministc, riums im Schlosse Bellevue, welcher auch der König beiwohnen wird. Die Kamphausen'schen Vermittelungsvorschläge dürften bei dieser Berathung in Erwägung gezogen werden.
Berlin, 15, Jan. In einer ähnlichen Lage gespannter Erwartung waren wir noch nie. „ES leugnet sich Niemand ab, daß es sich hier um ein Seyn oder Nichtseyn handelt, daß unsere künftigen Geschicke auf der Messerschärfe balanziren, und doch ist man völlig im Ungewissen, wohin das Uebergewicht schlagen wird, und eben so wenig weiß oder erräth man ein Auskunftsmittel, um diese scharfe Entscheidung zu umgehen." Diese Worte eines wohlunterrichteten Blattes gelten heute noch gerade so sehr, wie gestern. Die Kommission der
