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Worte sind wie Münzen und haben nicht überall gleiche Gel­tung. Hätten Sie doch gesagt, was Sie z. B. unter Gleich­heit verstehen. Gleichheit vor dem bürgerlichen Gesetze? Gleichheit des Ranges? Gleichheit der Macht? Gleichheit des Besitzes? Und sollen diese Gleichheiten im Wege der Gewalt errungen werden? Und hätten Sie doch darüber sich geäußert, was Sie unter Freiheit meinen! Freiheit des Glaubens? Frei­heit von dem Zwange des bürgerlichen Gesetzes ? Freiheit des Gewissens? Freiheit der Person? Freiheit von Abgaben? Die Worte Freiheit und Gleichheit sind die Brandfackeln ge­wesen, die einen Weltbrand entzündet haben, welcher dreißig Jahre lang fortgelodert hat und mit dem Blute von mehr, als einer Million Menschen hat gelöscht werden müssen; soll man diese Worte in die Welt schleudern, ohne der Gefahr vorzu­beugen, sie mißverstanden und mißbraucht zu sehen? Die Frei­heit, mit welcher Christus uns befreiet hat, bestehet darin, daß wir nicht dem Wahne dienstbar sind, sondern die Wahrheit erkennen; daß wir nicht den Lüsten gehorchest, sondern Gott; daß wir nicht um der Drohungen des Strafgesetzes willen das Gute thun, sondern auS freier Liebe des Guten unsere Pflicht erfüllen; daß wir nicht um der Menschen Gunst oder Ungunst willen wider unter Gewissen handeln, sondern den selbsterkann­ten und heiligen Gotteswillen als unseren eigenen Willen in uns aufnehmen und durch Gesinnung und That befolgen. Diese Freiheit meint Paulus, wenn er 2 Kor. 3, 17 sagt: Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit; nicht von jeder gedenklichen und beliebigen Freiheit redet er, denn Sie werden zugeben, daß auch der Christ, dem das heidnische Unrecht die persönliche Freiheit entzogen hatte, in seinen Ketten frei sein und mit dem Geiste Christi auch die Freiheit Christi haben konnte. Die Gleichheit, welche das Christenthum lehrt und gewährt, besteht darin, daß wir alle der sittlichen Würde und des seligen Friedens der Kinder Gottes in gleicher Weise und in gleichem Maße können und sollen theilhaftig werden, weil wir alle Einen Gott und Vater und Einen Heiland und Erlöser haben; und von dieser, keineswegs aber von bürgerlicher oder sonstiger Gleichheit redet Paulus in der von Ihnen unrichtig verstan­denen Stelle Gal. 3, 28, in welcher er sagt: Hier ist kein Jude Noch Grieche, hier ist kein Knecht noch Freier, hier ist kein Mann noch Weib, denn ihr seid allzumahl nur Einer in Christo Jesu; diese Worte sind lediglich die Veranschaulichung dcö im 26. Verse ausgesprochenen Satzes: Ihr seid alle Gottes Kinder durch den Glauben an Christum. Hätten Sie in solcher Weise sich über Freiheit und Gleichheit näher erklärt; welcher Christ stimmte Ihnen nicht zu, wenn Sie diese Gedanken als Grund­gedanken des Christenthums bezeichnen! Und wer wüßte es nicht, daß gerade diese beiden Grundgedanken deö Christenthums es gewesen sind, welche, wie Sic sehr richtig bemerken, die in der ganzen heidnischen Welt gewöhnliche Sclavcrei überwunden und die Ketten der Sclaven, diese Schmach der Menschheit, gebrochen haben. Sie hätten des Segens noch manchen nennen können, welchen die Welt diesen Gedanken schuldig geworden ist, und wenn Sie die Ansicht haben, daß von dem Lebensbaume des Christenthums noch nicht alle Früchte gebrochen, daß noch manche edle Segensfrucht von demselben zu erwarten sei: welcher Christ findet darin nicht auch seine eigne Hoffnung wieder! Ja wohl, noch manches Unrecht und manches Unheilige wird der Kraft weichen, die von Christi ausgegangen ist; aber die Frage, worauf eS ankommt, ist die, wird es mit Gewalt, namentlich durch gewaltsamen Umsturz des Bestehenden, oder wird cs durch die stille Kraft der Wahrheit geschehn? Ihre Darstellung ent­hält manchen sonderbaren Mißverstand, und eines noch größeren Mißverstandes ist sie fähig. Mißverstand ist es, wenn Sre die Worte Kolosser 4, 1: Ihr Herren, was recht und gleich (billig) ist, das erweiset eueren Knechten, so deuten, als habe der Apostel den Herren geboten, mit ihren Knechten auf dem Fuße vollkommenster Gleichheit zu leben; soll der Meister mit dem Lehrling auf diesem Fuß leben; kann und darf der gütigste und brüderlichste Herr seine Tochter gerade so halten, rote feine Magd, und die Magd wie die Tochter? Mißverstand ist es ferner, wenn Sie meinen oder zu verstehen geben, daS Wort des Apostels an die Sclaven: Ein Jeglicher bleibe in dem Be­rufe, darinnen er berufen ist. Bist du ein Knecht berufen, sorge dir nicht; doch kannst du frei werden, jo brauche das viel lieber, habe zu bedeuten, nach des Apostels Ansicht habe ein Sclave entspringen und entlaufen nicht bloß dürfen, Ion« dern auch sollen, wenn er nur hoffen durfte, es ckverdc ihm^da­mit gelingen, frei zu werden. Haben Sie vergeßen, was Pau­lus an den Philemon schreibt, dessen entsprungener Sclave Onesimus zu Paulus gekommen und Christ geworden war.

Hat Paulus dem Entlaufenen etwa gesagt: Recht so, mein Sohn; du bist nun frei geworden; bleibe bei mirinRom, und vor deinem Herr bist du sicher, denn der sitzt in Kolossä, und zwischen euch liegt das Meer; so brauche denn um so lieber die Gelegenheit, frei zu bleiben? Paulus schickt ihn zu seinem Herrn; dem schreibt er: halte ihn wie mein eigen Herz, wie einen lieben Bruder; aber der Sclave kehrt zu seinem Herrn aus der Freiheit zurück! Damir beweiset er sich als Christ! Doch das sind zwar erhebliche Mißständnisse, aber sie verschwin­den vor dem Mißverstände, dessen Ihre Worte fähig sind! Äann eS aus Ihrer Darstellung doch den Anschein gewinnen, als setzten Sie die christliche Freiheit und Gleichheit auch darein, keiner Obrigkeit unterworfen zu sein, von jeglichem äußeren Gesetze frei zu werden, und an allen Erdengütern den gleichen Antheil Allen zu geben. Ich sage: den Anschein, denn un­möglich kann ich diese Ansicht für die Ihrige halten. Es kann nicht Ihre Ansicht sein, der Satz des Apostels Paulus: Es ist keine Obrigkeit ohne von Gott, bedeute bloß, die dermahlige heidnische Obrigkeit sei nicht gerade vom Teufel gewesen, son­dern durch göttliche Zulassung geduldet worden; Sie wissen, daß nach Gottes Ordnung keine menschliche Gesellschaft ohne Gesetz und Obrigkeit sein kann; ist ja doch jede Revolution sogar am Ende ein gewaltsamer Regierungswechsel. Es kann nicht Ihre Ansicht sein, daß Gleichheit des Besitzes unter den Menschen möglich wäre; Sie wissen, daß so lange Gott Kräfte und Verstand ungleich austheilt, diese Gleichheit Nichts ist, als eine unverständige Schwärmerei. Ich denke, Ihre Meinung ist eigentlich nur die: So lange man auf dem gewaltlosen Wege das erlangen kann, was man für gut hält, soll man keine Ge­walt brauchen: will es aber anders nicht gehn, nun dann: Noth bricht Eisen!

Aber dieser dem Christenthum geradezu widerstreitende Gedanke scheint Ihnen so unwidersprechlich, 'daß Sie sogar die Kirchengemeinschaft denen aufkündigen, welche in dieses Ihr Bekenntniß nicht einstimmen. Denn umsonst habe ich in Ihrem Sendschreiben nach irgend einem andern Grunde Ihres gedroh­ten Austritts aus unserer Kirche gesucht. Sie selbst sagen, nicht einer neuen Religion oder Äeligionssecte bedürfe es; auf ein neues Bekenntniß komme es nicht an; sondern darauf, daß die Christen aller Konfessionen sich zur politischen und socialen Umgestaltung. der Staaten vereinigen. Also nicht um das Reich Gottes, nicht um die Wahrheit, ii icht um den Glauben ist cs zu thun? Also nicht die Reli­gion, sondern die Politik ist das, was Sie Christenthum nennen!

^Uns aber ist das Christenthum nicht Politik, sondern Re­ligion, Weg zu Gott und zum Frieden. Und wie wir glauben, daß Gott nicht bloß der Protestanten, sondern aller Menschen Gott und Vater ist; so glauben wir auch, daß er, aller politi­schen Parteien ungeachtet, der Gott und Vater Aller ist, die Wahrheit suchend in Liebe immer fester wachsen wollen an den, der das Haupt ist, Christus. Nicht politische Partei zu ergrei­fen und für politische Zwecke zu wirken, am Wenigsten auf dem Wege der Gewalt dafür zu wirken, sehen wir als unsere Auf­gabe an, sondern mitten unter den politischen Fehden durch Wahrheit und auf den Wegen des Friedens still für das Reich Gottes zu wirken, und davon, davon hoffen wir den Segen für die Menschheit. Streiten werden wir darum nicht; aber diese unsere Ueberzeugung offen auszusprechcn war Pflicht.

Wiesbaden. Karl Wilhelm Schultz.

Deutschland.

§ Limburg, 23. Dez. Bei der heute abgehaltenen Ver­sammlung der konstitutionellen Partei hat sich das Wahlkomite für den Reichstag ohne erhebliche Einsprache gebildet.

Darmstadt, 23. Dez. (O.-P.-A.-Z.) Heute Nacht ist Herr Ludwig Bogen (früher Mitglied der Nationalversammlung in Frankfurt und Stuttgart) in Michelstadt verhaftet und in das hiesige ProvinzialarresthauS an das Kriminalgericht abgeliefert worden.

Stuttgart, 22. Dez. (O.-P.-A.-Z.) In der letzten Sitzung der verfassungberathenden Lanvesversammlung sprach der Präsident Schoder folgende Schlußworte: „Kurz wie vorauSzuschen war, war die Dauer der Versammlung, aber doch lang genug, um über die wichtigsten Fragen sich auszu-